Essays

Cock vs. Cunt

by Alexander WinterJeder zehnte Mann ist schwul und jede dritte lesbische Frau* trägt ihre Haare zu kurz. Vielleicht ist jeder fünfte Mann zusätzlich auch homophob. Oder dumm. Das würde zumindest einiges erklären. (*Von Lesben hab ich übrigens keine Ahnung.)

Die zehn Männer sitzen auf graufarbenen Sitzgarnituren und trinken Bier; nichts mit literweise Prosecco und Glitterglitzerdrama-Madonnaism – hier hört man Minimal. Der Beat stimmt. Die Gesichter sind unaufgeregt, die Haltung angemessen. Später haben diese zehn von zehn Männer Sex mit dem eigenen Geschlecht. Unaufgeregt und angemessen. Ich weiß das, weil ich heute Nacht einer von ihnen bin. In ihren Augen macht mich das zu einem von ihnen. (In den Augen von allen anderen Menschen übrigens auch). In Wahrheit fühle ich mich nicht zugehörig, nirgendwo. Ich will bloß hedonistisch sein; heute Nacht geh ich auf dem Regenbogen, weil ich meines heteronomen Lebens müde bin. Frau, Kinder, Prenzlauer Berg. Ok. Nicht ich. Also rein ins Getümmel. Kurz vor 1 verlassen wir die Wohnung und stürzen uns ins Toben der Nacht.

Irgendwer knackt schon noch den Arschfick-Highscore. Das sagt mir zumindest ein Mittvierziger im SchwuZ* später, als ich ihm sage, dass er definitiv nicht mein Typ ist. Aknenarben können sexy sein, müssen aber nicht. Heutzutage gilt: Wer in einem schwulen Club einen Bart trägt, ist scheinbar gefragter denn je. Er ist nämlich jetzt schon der sechste. Dieses Früher ist heute allen zu glatt, also wollen sie mich. Ich hingegen kann mich nicht entscheiden. Ich tanze eine Weile mit einer 20-Jährigen, die gar nicht weiß, wie attraktiv ich sie finde. Wie auch? Natürlich hat sie mich längst kategorisiert, weshalb sie mir auch keine schmiert, als meine Hände instinktiv nach ihrem Arsch grabschen und mein Mund den ihren sucht. Wir knutschen mitten auf der Tanzfläche – und die Schwulen zischen wie Gänse…

Nach zehn Minuten lässt sie plötzlich ab von mir, schaut mich aus großen Augen an und fragt, ob ich nicht schwul sei. Mein Ständer hat sie vermutlich durcheinander gebracht. Mich nicht. Ich frage zurück, ob sie nicht lesbisch sei – sie trägt immerhin einen burschikosen Kurzhaarschnitt – woraufhin sie angewidert den Mund verzieht. Seh ich etwa wie ne Lesbe aus?, fragt sie. Und langweilt mich.

Kylie MinogueAls im Hintergrund auch noch ein Kylie-Minogue-Remix aus den 80ern losbricht, wechsle ich den Dancefloor und lasse sie kommentarlos stehen. Bonerkiller Deluxe.

Es passiert mir immer wieder. Die einen fragen das eine und die anderen das andere, und mittendrin sind die Erwartungen. Ich erfülle wenige Clichés. Ich bin nicht laut, ich bin nicht camp, nicht butch, ich habe keine Attitüde. Andere würden mir eventuell sogar Charakterlosigkeit vorwerfen, weil ich nicht grell genug bin. Nicht der Skizze entspreche. Ich rede ja aber auch nicht über meine Sexualität – habe den Hype um den Out-of-the-Closet-Moment total verpasst. Ich bin schwul und das ist auch gut so? Überbewertet. Das Geständnis vor den Eltern, den Freunden und der Geschäftsführung – all die Panik davor? Eine Wahnvorstellung. Was ist es, was ich zu outen habe? Was muss ich gestehen? Und was noch viel wichtiger ist: Weshalb sollte ich mich rechtfertigen wollen, für was? Entschuldigung, aber ihr seid doch gar nicht besser als ich, nur weil ihr zufälligerweise heterosexuell seid. Mit einer Frau zu schlafen gibt euch kein Mitspracherecht über meine Bedürfnisse, mein Begehren.

Denkste! Wir leben in einer Gesellschaft der Hyper-Individuen; alle sind nicht nur sie selbst, sie sind auch mehr als alle anderen. Hier überlebt nur, wer seine eigene oberflächliche Befindlichkeit zum Teil des absoluten Selbstverständnisses machen kann. Oder mit anderen Worten: ein Wie geht’s dir? ist eine unausweichliche Floskel. Ich lutsch Schwänze und find’s geil verrät zu viel und bleibt ein Special Interest. Aber sich outen muss man.

Wir wollen eine handliche Wahrheit, eine reduzierte und einfache Wahrheit – wie eine Pille muss sie sein, und gut runter gehen. Ersticken darf man nicht dran. Der Würgereflex hat bitte hinter verschlossenen Türen zu bleiben. Alles Fragen und Nachhaken ist daher nicht nur ein Updaten und Abchecken diverser Möglichkeiten, oder bloßes Interesse. Es ist viel mehr eine Bestätigung des eigenen Ichs in einer Ich-Welt voller Nicht-Ichs. Du lutscht Schwänze, ich nicht. Wer von uns beiden der bessere ist, da haben wir mal hundert Menschen auf der Straße gefragt. Das reicht also grade mal ins Hausfrauenprogramm.
In die baden-württembergischen Bildungspläne kommt das hingegen lieber nicht. Hier ist das Heterosexuelle eben noch die Norm, das andere eine Abweichung dieser Norm und mehr muss man darüber gar nicht wissen. Wer will schon abweichen? Wenn alle Frauen wollen, gibt’s doch überhaupt keine Alternativen. Außer, wenn Frauen Frauen wollen, aber darüber sprechen wir dann, wenn du alt genug bist. Und verheiratet.

Ich gehe durch den Club, als hätte ich Durst. Meine Blicke suchen irgendwen, der meine Augen auch ertragen kann. Alle sehen gut aus, riechen gut, suchen Liebe. Oder nein: Sie suchen Sex, und das ist okay. Eine Freundin von mir meinte letztens, Schwule suchten nur Sex, und das sei ihr zu oberflächlich, zu krass, und ich? Ich ertappte mich beim Stammeln: Männer sind so.
Sind sie? Wann fängt man eigentlich an, an diesen ganzen gesellschaftlichen Scheiß zu glauben? Und was ist das überhaupt, so eine Art gesellschaftliche Zwangsvorstellung? Woher kommt die? Ist die mir in der Grundschule eingeimpft worden, beim Fernsehen? Wie definiere ich männliche Sexualität denn überhaupt? Sind Männer einfach genetisch so veranlagt, neigen sie aufgrund einer simplen Proteinabfolge alle dazu, promiskuitiv zu sein? Und ab wann ist Mann das eigentlich? Wir sind so bemüht, alles zu klassifizieren, zu labeln, in eine Schublade zu packen – so sehr, dass wir sogar die Schubladen neu belabeln. Herzlichen Glückwunsch.

Ich für meinen Teil finde mich in den Armen eines 30-something wieder. Er küsst gut. Fast schon zu gut. Wir fummeln auf dem Weg nach draußen, in der S-Bahn, bei ihm zu Hause. Dann gehn die Lichter in meinen Augen aus, und ich wache am nächsten Morgen in Neukölln auf. Mein Mund schmeckt schwanzig, meine Lippen brennen. Ich sammle meine Kleidung auf, der fremde Rücken mit den Leberflecken bewegt sich langsam und gleichmäßig; er schläft noch.

Auf dem Weg zur Arbeit bekomme ich eine Kurznachricht: Ich schulde dir Frühstück. Und ich lächle. Die Gesichter in der S-Bahn sind hingegen wie aus Stein. Ich sehe Frauen mit Stahlwolle-Haar und Männer, die älter aussehen, als sie sind. Warum will keine von beiden Welten eigentlich so recht zu mir passen, frage ich mich, als ich in der Friedrichstraße aussteige. Beide Welten? Die Hetero-, die Homo-Welt. Rasierklingen, überall. Straight illusions of a queer life.

Es ist alles bereits wie hinter Glas, hier, heute. Wir sehen uns an und durch uns hindurch. Vielleicht will ich mich deshalb auch nicht festlegen, will lieber eine Wand sein, als ein Panorama-Fenster. Worin liegt denn auch der Reiz, sich anderen immer wieder neu erklären zu müssen? Reicht Flirten allein denn nicht mehr aus, eine Andeutung, eine Hand, die eine andere sucht? Zu groß ist die Angst vor Zurückweisung, Enttäuschung, Provokation, Wut – Gewalt vielleicht. Lieber wird weiter an Burgen gebaut. Jede von beiden Welten schützt sich nämlich vor der anderen.

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Am CSD marschieren sie bunt und laut durch die Straßen Berlins und der ganzen Welt, aber in der Ukraine verprügeln sie Schwule. Und schlimmer noch: In Russland haben sie Gesetze verabschiedet, die Homosexualität unter Strafe stellen. Schwule werden dort gejagt, gefoltert, umgebracht. Das passiert da jeden Tag. Muss man sich mal vorstellen: Angenommen dein Sohn wird auf offener Straße angespuckt, man schlägt ihm ins Gesicht und dabei gleich die Zähne aus – und alle klatschen sie Applaus. Das nennen die da Alltag, die Normalität. Die Polizei verhindert keine Verbrechen, sie schafft neue. Das weiß nur keiner, man nenn’s ja immerhin Ordnung.

In Berlin ist das Politische am Schwulen nur eine Clubnacht wert. In Diskussionen wird es fast gänzlich vermieden. Unterwegs checkt man Männer via Grindr** aus. Man redet über Filme und Musik, über Autos und letzte Beziehungen. Männer sind so. Dass die hiesigen Drag Queens jede Nacht mit dem Taxi fahren müssen, weil sie Angst haben, in der U-Bahn eins aufs Maul zu kriegen – das ist zu viel Wahrheit, das macht schlechte Laune.

Der Schwule an sich ist nicht seiner Sexualität wegen auch ein politischer Mensch. Man arbeitet lieber fleißig am Verständnis: Der Bürgermeister lutscht Schwänze, der ehemalige Außenminister übrigens auch, mein Gott, dieses Land ist so offen. Hier ist man tolerant, weil man der Schwuchtel nicht gleich auf der Straße ins Gesicht spuckt, aber im Büro hört man die Kollegen über die effeminierten Typen reden, als wären sie der Bodensatz der Gesellschaft, und jeder kichert über zotige Sprüche. Die ganzen angeblichen Diskussionen laufen aneinander vorbei, werden selbst zu Clichés, relativieren sich. Einen Schwulen kann man okay finden. Kann man tolerieren. In der Zivilisation übt man sich, in Osteuropa, in Russland, im Nahen Osten, da prügeln sie noch. Toleranz? Die riecht nicht gut, tanzt nicht gut, die kann sich kein Bier leisten. Diese Toleranz kannst du dir sonst wohin schieben. Keiner braucht Toleranz. Wir brauchen Normalität.

Im Büro höre ich zwei Kollegen dabei zu, wie sie sich ihre letzten Sexdates erzählen; sie machen einander die Nächte schmackhaft, geilen sich am Fickerfolg des anderen auf. Ich kann irgendwie nicht mitreden, obwohl ich sogar was zu erzählen hätte. Der Blowjob war unfassbar. Aber darum geht’s ja eigentlich gar nicht. Spricht man das Thema Analsex mal versehentlich an, werden Augen verdreht. Manchmal sieht es so aus, als würde man dem Gegenüber einen Tintenfisch ins Gesicht klatschen – ich habe nie größeren Ekel, nie krassere Gesichtsentgleisungen gesehen, als in Gesprächen mit Kollegen über schwulen Sex. Also: schwuler Sex zwischen schwulen Männern. Über Lesben verliert keiner ein Wort. Zu eindrucksvoll ist die Pornoindustrie-Inszenierung der sexy Vamp-Lesbe, und das wissen wir alle.

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Sobald mir mal etwas auf der Zunge liegt, spüre ich das Label über mir schweben. Sobald ich sympathisiere, das Interesse bekunde, Erfahrungen teile. Ein Label, das mir den Mund verklebt. Bin ich schwul, weil ich mit Männern schlafe? Vielleicht. Und wenn ich zusätzlich auch mit Frauen schlafe? Das macht mich angeblich bisexuell. Was aber, wenn auch das nicht passen will? Und das nicht mal deswegen, weil beide Welten Bisexualität nicht akzeptieren – nicht richtig zumindest. Zu oft habe ich gehört, dass Bisexuelle einfach nur zu feige wären, sich als schwul zu outen. Was aber, wenn es einfach nur Menschen sind, die mich interessieren, die ich geil finde? Das Wort Anthroposexualität ist vielleicht schlichtweg zu lang…

Irgendwann kurz vor Feierabend schreibt mir ein guter Freund, er gehe jetzt zu seinem neuen schwulen Arzt, der sei so süß, und über die letzten Fickbekanntschaften könne man mit dem dann wohl auch am besten reden. Und ich denke: Nicht nur die heterosexuelle Welt ist ein Minenfeld. Auch auf dem Regenbogen lässt sich’s nicht lange tanzen, ohne durch all den Glitzer ins Bodenlose zu stürzen. Schwule sammeln Schwule, es ist wie in einem Stickeralbum. Und ich meine dabei nicht in sexueller Hinsicht: Sie umgeben sich nur gern miteinander. Sie gehen zu schwulen Ärzten und Buchhändlern, holen sich schwule Handwerker, Finanzberater, Künstler. Nachts suchen sie nach schwulen Partys – und das nicht, weil sie erwarten, abgeschleppt zu werden. Im Gegenteil. Viele sind bereits in monogamen Beziehungen. Sie mögen ihresgleichen – was immer das heißt.

Hier befürchten sie kein Werturteil, keine (latenten) Aggressionen. Hier sind sie frei. Angemessen und unaufgeregt. Die selbstgewählte Ghettoisierung von Schwulen in Großstädten ist mir dennoch ein Rätsel. Gesellschaftliche Annäherung – Normalisierung – funktioniert anders. Wie weiß ich selbst nicht, aber das selbstgewählte Exil im Überall erscheint mir wie der Rückzug ins Mittelalter. Das Vorurteil, einen Schwulen könne man erkennen – an seinem Gang, seiner Sprechweise, seinen Interessen – hält sich nicht umsonst so hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Dabei sind es gerade die Schwulen, die du nicht erkennst, die diese Gesellschaft prägen. Über Sex wird hier falsch gesprochen, und all dieses Gestehen-, Sich-Outen-Müssen bleibt ein falscher Ansatz. Ich, das ist die Norm. Ich bin Teil einer Vielfalt und bin deswegen nicht weniger als du. Wir sind Gleichberichtigte, nicht Gegensätze. Deswegen muss mich auch niemand tolerieren. Mich muss nicht mal jemand mögen. Outen aber, defensiv um Verständnis suchen, weil Arsch und Schwanz auf der Tagesordnung stehen, und nicht ein paar Titten – nein, also, danke, das brauch ich wirklich nicht.

Mit großer Wut höre ich manchmal, wie vom Selbstverständnis der Homosexuellen gesprochen wird. Höre von Statistiken, Wahrscheinlichkeiten, Grundlagenforschungen. Tiervergleiche treiben mich besonders gern in Rage. Ich hör es meistens von Frauen, zwischen 20 und 30, die sich für Gender Studies interessieren, oder von Männern, die nur eine gewisse Vorstellung vom Homosexuellen haben – aber kein konkretes Wissen. Auf der anderen Seite sehe ich eine Wahlgesellschaft, die sich selbst künstlich am Leben erhält. Nach dem Motto: Niemand mag Mario Barth, aber seine Shows sind trotzdem immer ausverkauft. Ich höre den Heteroapplaus von Heteromännern, die sich an den Sack greifen und grunzen, die ihr ganzes chauvinistisches Macho-Gehabe mit jeder Menge gutem Willen kaschieren und deswegen am lautesten nach der Gleichstellung der Frau schreien – dabei lächeln sie später dann gutmütig über die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen. Männliche Feministen finden sich nämlich immer noch nicht genug. Für Frauen hingegen ist es dann wohl irgendwie ein sicherer Hafen: Ihr habt Alice Schwarzer und Twilight-Romane; vom bacchanalischen BH-Verbrennen bis zum treudoofen Kleinmädchenschema: Jeder arbeitet hier an seiner eigenen Hölle.

Tatsache ist: Im Freundeskreis herrscht noch immer Angst, im Beruf, in der Familie. Wer anders ist, der hat nur einen gewissen Rahmen zur Präsentation zur Verfügung, und wenn das Bild nicht passen will, dann nimmt man nicht einen anderen Rahmen, sondern ein anderes Bild. Wir werden zur Entscheidung gezwungen. Daran hat sich trotz aller Aufgeklärtheit nichts geändert. Wer mit Männern ins Bett steigt, der hat gefälligst schwul zu sein. Hier kommt kein Etikett auf ein anderes, wir labeln nicht um. Im Gegenteil. Es ist eine Einbahnstraße: Biegst du einmal ein, gibt’s kein Zurück. Keine Alternative. Dabei zeigen unter anderem Filme wie Drei (Tom Tykwer) oder Weekend (Andrew Haigh), dass wir dringend unsere Vorstellungen von Beziehungen, von Liebe, von Möglichkeit überdenken sollten. Was wir dort sehen, das sind verschiedene Lebensentwürfe, Lebensalternativen, und die gibt’s in Wahrheit überall.

Wer zwischen den Stühlen sitzt, muss vielleicht auch vermitteln, denk ich auf meinem Weg nach Hause. Derjenige, der nicht dazugehört oder gewissermaßen: überall dazu gehört, der sollte die Grenzen vielleicht auflösen. Tatsache ist: Wer einem von Toleranz erzählt, positioniert sich trotz allem Gutmenschentum auf der anderen Seite. Toleranz ist das mindeste, die Grundausstattung menschlichen Zusammenlebens. Toleranz ist nicht genug. Daher gilt: Schluss damit! Her mit der Normalisierung!

*Schwuler Club in Berlin-Neukölln
**Schwule Dating-/Sex-App

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16 Gedanken zu “Cock vs. Cunt

  1. Ich glaube, dein Text verwirrt mich. Weil so viel in ihm ist. Auch – oder vor allem? – Wut über alle irgendwie. Und weil ich mir nicht bei allen Stellen sicher bin, wie sie gemeint sind.
    Aber das ist gut, so denke ich nach.
    [Ich hatte noch viel mehr geschrieben, aber alles wieder gelöscht. Ich denke lieber weiter nach.]
    Lieber Gruß!

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    • Verwirrung ist ein Zustand, der fortlaufend ist. Denk ich. Also: da kann man zumindest mal an ein paar Fäden ziehen und das Entwirren versuchen. Und zur Not gibt es Scheren.

      Wut auf alle – ja, die kenn ich. Sehr gut.

      Falls du Fragen hast, stell sie gern, vielleicht kann ich ja zur Entwirrung beitragen. Und wenn nicht, bist du mit deiner Verwirrung zumindest nicht mehr allein. 🙂

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      • OK, du hast es so gewollt. Du verliebst dich bzw. fühlst dich sexuell hingezogen zu dem Menschen bzw. dessen Aussehen, egal, welches Geschlecht er hat. Und du möchtest dieses Schubladendenken nicht mehr: Nicht von den homophoben Heteros, nicht von denen, die sich mit Schwulen beschäftigen und glauben, tolerant zu sein, sie aber im Grunde immer noch als „anders“ ansehen; und nicht von den Schwulen selbst, die sich in Nischen der Gesellschaft drängen, indem sie ihr Umfeld so ausrichten, dass sie sich absondern. Soweit richtig?

        Aber hast du wirklich eine Frau und Kinder? Und wenn ja, toleriert sie, dass du mit – egal welchem Geschlecht – rummachst? (Eigentlich glaube ich, dass ich hier den Text falsch verstanden habe, oder?)

        Ich halte mich für tolerant. Mir ist egal, ob jemand schwul ist oder nicht. Ich kann über Sexpraktiken reden ohne rot zu werden (was gut ist als Lehrerin …), aber dennoch spreche ich, wenn ich z.B. meinen schwulen Bruder und seinen Freund anspreche und ihre schwule Umgebung meine von „euch“ und „ihr“, so als wäre es eine andere Gruppe Menschen. Vielleicht liegt das nicht nur an mir, sondern auch daran, dass viele Schwule sich so zusammenrotten, dass man sie als diese andere Gruppe wahrnimmt. Dich würde das (sowohl mein Verhalten als eben diese Gruppenbildung) doch schon wieder auf die Palme bringen?

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      • 1. Mein Grundproblem ist der eigentliche Definitionszwang von Menschen. Die Absurdität, das Menschen andere danach definieren, mit wem sie schlafen oder zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlen. Nicht Sexualität definiert einen Charakter. Charakter definiert Charakter. Wem also hilft die Einteilung, die Verkettung verschiedener Erkenntnishorizonte? Oh, schau, der ist schwul, oh, achso. Ich kenn da auch so einen, ach, die wären bestimmt ein hübsches Pärchen. Die Mentalität ist erschreckend verbreitet – noch immer.

        Es sind dabei nicht nur die homophoben Heterosexuellen, sondern auch die vermeintlich „toleranten“ Menschen, denn was ist es, was zu tolerieren ist? Eine Spielart der Sexualität? Was ist daran zu tolerieren? Toleranz ist für mich ein grundlegender Irrtum innerhalb der Diskussion. Was heißt denn Toleranz in diesem Zusammenhang überhaupt? Dass man den anderen nicht gleich am nächsten Baum aufknüpft, weil er nicht der gleichen Meinung ist?

        Es wäre ebenso absurd gewesen, in der Vergangenheit zu fordern, Männer hätten Frauen zu tolerieren. Oder weiße Menschen schwarze Menschen. Es ist absurd, dass ausgerechnet bei der Sexualität Toleranz noch immer diesen Stellenwert hat. Normalisierung ist das, was ich fordere. Und ja, das zielt auf beide Sexualitäten ab.

        Die Ghettoisierung trägt nämlich überhaupt nichts zu diesem Normalisierungsprozess bei. Stattdessen wird weiter inszeniert, und das ad absurdum.

        2. Ich habe keine Frau und keine Kinder, nein. Das galt als figuratives Beispiel des konservativen Lebenskonzeptes von Familien. Dieses Bild muss nicht schlecht sein oder weniger wert; ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass ich mich damit nicht identifizieren kann und etwas anderes ausprobieren will. Über Beziehungen, u.a. auch die „klassische“, werde ich noch mal zu sprechen kommen. (Stichpunkt: Treue vs. Fremdgehen, Monogamie vs. Polygamie, etc). Aber nein, hätte ich eine Frau und Kinder würde ich nicht meine Nacht in einem Schwulenclub zubringen.

        3. Auf die Palme nicht, nein. Der Zwang von Menschen, die Reihen zu schließen und sich durch geschlossene Gruppen weiter zu definieren, ist vermutlich „normal“. Die Frage ist: was heißt an sich schon der Satz „ich halte mich für tolerant“ – tolerant weswegen? Dass dein Bruder einen Freund hat, d.h. ein Mann mit einem Mann zusammen ist? Dass sie von Männern als Sexobjekten sprechen? Was bedeutet die „schwule Umgebung“?

        Ich kann nur hinterfragen, oder: will hinterfragen. Ich stimme dir insofern zu, als dass Minderheiten sich gerne zusammenschließen, um weniger angreifbar zu werden, und wie sich’s jeden Tag aufs Neue beweist: zurecht. LGBT werden nach wie vor beschimpft, gedemütigt, verprügelt, gefoltert, misshandelt, ins Gefängnis gebracht, mit dem Tod bedroht oder sogar hingerichtet. Grenzen ziehen bedeutet sich zu schützen.

        Die Frage, die sich mir stellt, ist allerdings, ob das so sein muss. Ob unsere Gesellschaft mit der Toleranzforderung nicht einen Fehler begeht, der sich bereits sehr gefällig verselbstständigt. Ich begreife nicht mehr, was Toleranz bedeuten soll.

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      • Ich befürchte, wir alle sind längst ziemlich gut konditioniert in der Wahl unserer Wörter. Beispielsweise hatte ich Kollege, die fanden alles, was schief lief, erst mal „echt schwul“; das sagten die so, die haben das nicht weiter reflektiert. Sie haben nur nachgeplappert, was sie vielleicht schon seit Schulzeiten immer wieder gehört haben. Da muss man reingrätschen. Und sei’s nur mit einem Augenbrauenheben und der Frage, was das heißen soll. Oft wissen die Leute dann gar nichts zu erwidern; manche werden auch pampig, da muss man natürlich vorsichtig sein.

        Ich denke, wir definieren erschreckend viel über unsere Sprache und schaffen damit auch Realitäten. Die geben wir dann auch weiter, und weiter. Das wird zum Selbstläufer.

        Deinen Artikel les ich mir gleich durch. Bin gespannt. 🙂

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      • Ja, „schwul“ finden meine Schüler auch so einiges. Da hätte ich aber gedacht, dass das nur bis 18 Jahre so gebraucht wird (und selbst da sollte man einschreiten, wird aber nicht viel erreichen leider. Aber wenn man schon einen zum Nachdenken bringt, wäre etwas gewonnen.)

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      • Wie schon bei dir kommentiert, ich wünschte, man könnte einige Literatur oder auch Dokumentationen in die Lehrpläne schmuggeln, und sei’s nur in Auszügen. Ich glaube sehr stark an den pädagogischen Anspruch und weiß aber auch gleichzeitig von der immensen Frustration, die dabei aufkommen kann. Dennoch: Leider endet das Bezeichnen und Benutzen nicht ab einem bestimmten Alter. Es endet dann, wenn einem der Umstand oder nein: die Tragweite erklärt wird. Dafür muss Wissen m.E. fühlbar werden. Aber an der Sache trag ich selbst schon ziemlich schwer – ich weiß nämlich nicht, wie das geht. Wissen nicht nur verständlich, sondern fühlbar zu machen.

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      • Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie das bei 15jährigen gehen soll, das verständlich und fühlbar machen.
        Ich sehe da meine Schüler vor mir, die Dunkelhäutige, die jeden Sonntag zur Kirche geht; den Albaner, der sich mit seinen Jungs mit den Tschetschenen prügelt und der erklärt, die Juden seien ein zu verachtendes Volk; den Moslem, der die Rolle des „typischen“ Familienoberhaupts annehmen musste, weil nur seine Mutter und seine beiden Schwestern, aber kein Vater bei ihm lebt; den Deutschen aus sozialschwachem Milieu, der keine fünf Minuten still sein kann – und dann soll ich ihnen solche Dinge vermitteln? Es wäre schön, wenn es ginge, aber so wird das nicht funktionieren. Und dann bei solchen Klischees auch noch mit sämtlichen Sexualpraktiken ankommen?! Ein Schritt nach dem anderen.

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      • Ja. Darin seh ich auch große Probleme und auch Probleme in gesellschaftlicher Hinsicht, die weit über das Bildungswesen hinaus zu tragen kommen. Es bräuchte mehr Zeit dafür, und dafür müsste man von der Idee der Leistungsgesellschaft erst mal wegkommen (nur schnell alles Wissen in die Köpfe und dann schnell, schnell, ins System integrieren).

        Ich stimme dir daher komplett zu. Es braucht für individuelle Probleme auch individuelle Lösungen. Da kann man nicht mit der großen Argumentationskeule eines Lehrplans kommen. Die Frage ist auch: Wie viel Einfluss sollten Schulen im generellen Verständnis der Gesellschaft bekommen – und wie viel haben sie faktisch davon momentan?

        Hätte ich über das Geld im Staat zu entscheiden, flösse jedenfalls mehr ins Bildungswesen. Und ich würde auch gerne mal andere Leute als verantwortliche Minister sehen, die Probleme anders anpacken als durch das Austreten alter Wege.

        Daher: ja, unbedingt. Ein Schritt nach dem anderen.

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      • Geld fürs Bildungswesen. Ein Traum. Aber wenn wie in NRW ein Jahrgang abgeschafft wird (12jähriges Abi) und dann pensionierte Lehrer nicht ersetzt werden – denn man braucht ja mit einem Jahrgang viel weniger Lehrer, obwohl man damit die Klassen kleiner bekäme, dann sieht man: Bildung kann so wichtig nicht sein.

        Aber nun genug der schweren Themen. Irgendwie werden wir die Welt schon ein bisschen verbessert kriegen. Ich bin ab jetzt nicht mehr tolerant und du schreibst weiter 🙂

        Lieber Gruß!

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  2. „Ich, das ist die Norm. Ich bin Teil einer Vielfalt und bin deswegen nicht weniger als du. Wir sind Gleichberichtigte, nicht Gegensätze. Deswegen muss mich auch niemand tolerieren. Mich muss nicht mal jemand mögen.“

    Exakt.
    Das Verhältnis von Gleichheit und Differenz ist ein schwieriges Thema.
    Toleranz ist ein Almosen einer Mehrheit gegenüber Minderheiten.
    Die aber brauchen Normalität, und haben ein Recht darauf.

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  3. Meiner Meinung nach erreichen wir Normalität nur durch Kommunikation und durch pädagogische Intervention.
    Sich zeigen, und zwar selbstbewusst und nicht als Bittsteller. Als Jemand, der sein Recht auf Gleichbehandlung unabhängig von seinem Anderssein (und diesem doch angemessen), kennt und fordert. Bleibt die Frage, wie ein Mensch selbstbewusst auftreten soll (außerhalb seiner community/ peer group), dessen Alltag durch Herabsetzungen und Gewalt(androhung) geprägt ist.

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    • Ich denke, es müsste einen allgemeinen Konsens geben. Leider ist es aber ein Irrglaube anzunehmen, dass Menschen aufgrund der gleichen Sexualität Solidarität zeigen könnten. (Heterosexuelle sind ja auch nicht solidarisch, nur weil sie zufällig mit dem anderen Geschlecht schlafen). Ich würde da gerne mal das Konzept der Prides neu überdenken. Also: beispielsweise.

      Theoretisch reduziert dieser Umstand (des fehlenden Konsens) das Konstrukt stets auf eine individuelle Ebene und die ist leider wiederum nicht vom „Community“-Faktor zu trennen. Heißt im Grunde: man schickt den Einzelnen zurück ins Minenfeld. Hier dreht sich dann spätestens alles im Kreis. Vorgelebte Rollenbilder, Abtrennungsmechanismen, etc.

      Meine Denke sagt: Man braucht mehr Lärm. Der Normalisierungsgedanke sollte größer werden, die Forderung expliziter. Dass wir tatsächlich noch in einem Land leben, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption verweigert, sollte ein Grund sein, auf die Straßen zu gehen. Dafür müsste man aber auch den Status der Religion in diesem Land neu überdenken. (Wie viel von dem, was wir nämlich gesellschaftlich bereits als „normal“ fundamentiert haben, fußt auf Religionen?)

      Ich stimme aber natürlich komplett zu: Pädagogik und Kommunikation. Die Verbreitung des Normalisierungsgedankens, die Suche nach Konfrontationen (also erst im eigenen Umfeld), das Sharen und Kommentieren, Diskutieren, zur Diskussion stellen, Publizieren, etc. Daran glaub ich. Vielleicht entsteht dadurch dann auch ein Selbstbewusstsein, das sich von der Community emanzipieren lässt, ein gesamtgesellschaftliches Bild; die Auflösung von Trennungen. (Utopisch? Vielleicht. Aber besser als nichts).

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  4. Natürlich zeigt niemand Solidarität mit anderen, nur weil man zufällig die gleichen sexuellen Vorlieben hat. Die Solidarität entsteht höchstens in der Abgrenzung zu den Anderen. Schulterschluss durch Diskriminierung.
    Normalität entsteht durch Alltag.
    In den USA wurde Anfang der 90er ein Gesetz (ADA) verabschiedet, das die Diskriminierung Behinderter untersagt und dabei ganz praktisch vorgeht. Alles was behinderte Menschen benachteiligt, muss beseitigt werden, sonst droht Strafe.
    Also müssen Geschäfte beispielsweise auch Gebärdendolmetscher vorhalten, Umkleidekabinen mit ausreichend Platz einrichten, Vorkehrungen für blinde Menschen treffen etc.
    Die Folge war, dass man im Straßenbild viel mehr Menschen mit Handicap sah, ganz einfach, weil es ihnen nun möglich war, was wiederum zu einer deutlich größeren Akzeptanz Behinderter führte. Einfach nur durch die Gewöhnung, die regelmäßige Konfrontation in allen Lebensbereichen.
    In Wechselwirkung mit einer Gesetzgebung hat sich also mittelfristig das Bewusstsein der Menschen verändert.
    Wie das bei anderen „Gruppen“ aussehen könnte, weiß ich nicht genau.
    Da müssen dann wohl Bildungspläne, pädagogische Konzepte usw. her.
    Und diese gilt es einzufordern. Laut und solidarisch.
    Und zwar mit einer Solidarität, die gesellschaftsübergreifend ist. Nicht nur jede Gruppe für sich.
    Das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ist ein gutes Beispiel für institutionalisierte Diskriminierung. Eine in Paragraphen gegossene Norm. Das muss sich dringend ändern.
    Und dafür muss auf allen Ebenen gemeinsam gekämpft werden. Eben auch durch das darüber Schreiben, Sharen, durch Konfrontation und durch Vernetzung.

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