Essays

Rausch, Wahn und die Frage nach Kunst

by Alexander WinterEine Wanne voll Fett ist noch lang keine Kunst. Das sieht Joseph Beuys natürlich ganz anders – und mit ihm eine Welt von Kritikern, Fans und Kunstverständigen. Wer aber entscheidet letztlich über unser Empfinden, und was ist Kunst am Ende eigentlich?

Eine Annäherung ans Kunstverständnis. Teil 1: Die Grundsteinlegung oder: das Sternchenthema ganz hinten im Bedarfskatalog.
(Teil 2 findet sich hier).

Ich habe also beschlossen, über das Ist zu schreiben. Über den allgemeinen Zustand und das werte Befinden. Über das Scheitern. Und damit natürlich auch über die Dummheit… Im Grunde schreibe ich nur über die Dummheit… Denn darauf läuft der ganze Scheiß ja letztlich hinaus. Oder anders: Auch heute stehen wieder Leute in Musseen und schütteln die Köpfe. Warum hängt das eigentlich hier? Für 10 Euro das Ticket und dann hängt da dieses Gekritzel. Keiner sucht mehr nach dem goldenen Schnitt, man sucht bloß nach Verständnis: Was ist das, Kunst?


Vorab: Die Grenze zwischen Kunst und Künstlichkeit ist eine subjektive*.

Betrachte ich die Welt, sehe ich die Menschen, und betrachte ich die Menschen, so teilen sie sich in Gesellschaften. Das ist keine Neuigkeit. Dennoch ist das für unser Verständnis, für unseren kulturellen Kunst-Horizont durchaus entscheidend. Eine Gesellschaft an sich existiert durch sich selbst heraus, sie wird durch ihre Mitglieder konstituiert, definiert und organisiert. Eine Gesellschaft ist ein abgeschlossenes Zimmer mit Ausblick aufs Meer: Sehen wir nach draußen, empfinden wir Sehnsucht und Schrecken. Die Sehnsucht nach anderem und auch die Angst davor – die Angst vor dem, was das Draußen bringt, die Angst, was im Inneren ist, die Angst vor der Korrelation. Die Angst ist subtiler als die Sehnsucht. Also schließen wir die eigenen Reihen.

Betrachten wir die Kunst, die von einer geschlossenen Gesellschaft geschaffen wird, empfinden wir sie als authentisch. Ein flämischer Maler ist ein flämischer Maler, da passt kein Blatt Papier dazwischen, die Aussage ist wie ein Stein. Sehen wir ein Kunstwerk in einem gesellschaftlichen Kontext, dann bewerten wir es nach Historie, d.h. Zeit, nach Fertigkeit, d.h. nach Herstellung, und nach Sujet, d.h. nach Inhalt. (In vielen Fällen, vor allem: den literarischen, gibt es noch eine vierte Art: Die biographische, d.h. die Subjektivierung des Kunstwerks mithilfe des Künstler-Hintergrundes).

Indem wir den einen Kontext mit dem anderen, d.h. dem eigenen, abgleichen, erheben wir das Kunstwerk per se zum Kunstwerk. Wir benötigen eine Verbindung, um das, was wir sehen, einordnen zu können. Das Einordnen selbst ist entscheidend, weil wir ohne die Begrifflichkeit des Sortierens nicht verstehen, um was es sich handelt. Dass die Kunst den Anspruch erhebt, das Verstehen zu relativieren – oder zwangsläufig sogar zu entfremden, oder aufzuheben – versteht sich natürlich von selbst. Es wurde uns bereits tausende Male vorgemacht. Die Abstraktion des Gesehenen als solche ist allerdings nie frei jeder Gegenständlichkeit.

Der bloße Gegenstand ist (und bleibt) nämlich gegenständlich: Der an die Wand genagelte Filzteppich ist sowohl Kunst, als auch ein an die Wand genagelter Filzteppich. Erheben wir ihn in die Kunstbegrifflichkeit, so nur deshalb, weil wir ihn hinterfragen, weil wir uns mit dem Gegenstand, der gegenständlich ist, auseinandersetzen, weil wir ihn transzendieren, oder: hyperrealisieren. An und für sich bleibt der Filzteppich aus Filz, der Nagel, der ihn trägt, bleibt ein Nagel, und die Wand ist eine Wand. Durch die Betrachtung der Gegenstände und ihren jeweiligen kontextuellen Wirkungsgrad wird ein bewusst eingesetztes Entfremden (beispielsweise) zum Akt der Kunst-Werdung. Die Verbindungen untereinander, d.h. zwischen den verschiedenen Aspekten des Gegenstandes und dem Betrachten desselben, erlauben eine Reflektion. Mit anderen Worten: Kunst ist, erstens: was reflektiert wird, und zweitens: was reflektiv wirkt.


*Übrigens ist die Meinung, man könne ein Kunstwerk objektiv bewerten, irrtümlich schon in ihrem Grundsatz – das Objektive ist eine Annäherung an einen Zustand der Entfernung, kurzum etwas, das sich nicht erreichen lässt. Der menschliche Verstand tritt sich dabei selbst auf die Füße: Wie wird gewertet, welcher der Maßstäbe ist der richtige, welche Meinung die wahre? Die Beweisführung ist konstruktivistisch. Die Bewertung als solche, die Kritik, kann nur ausschließlich subjektiv sein. Verbirgt sich ihre Aussage zwar hinter konkreten, neutralen Worten, so ist ihre Formulierung selbst allerdings, und sei sie noch so analytisch, nicht die nüchterne Bewertung des bloßen Zustandes, sondern eine Auffassung des Eigenen, des Persönlichen, eine Erfassung der Erscheinung. Eine Art Blick von innen nach außen nach innen. Dies geschieht niemals ohne das partizipierende Gehirn, ohne das Zurückgreifen des Wahrnehmbaren und bereits Wahrgenommenen, ohne die erlernten Begrifflichkeiten, ohne die Regeln des Spiels.

Die vom Menschen geforderte Objektivität ist eine Absurdität. Sie zu fordern heißt, die Lüge zu fordern. Die Wahrung des Scheins, des besseren Wissens, das kein eigentliches Wissen ist.

Anders gesagt: Ein Kritiker, der das Buch kritisiert – selbst, wenn er dabei noch den letzten Grundlagen der Logik folgt – ist zwar anfänglich durchaus der außenstehende Beobachter, der zufällig die Szene betritt, wird durch sein Betreten, in dem Fall: dem Lesen, jedoch ein Teil der Szenerie. Versucht er sich daraus zu lösen, vermag er nicht zu urteilen, da er nur von außen auf die Dinge blickt. Bleibt er jedoch innerhalb der Geschichte, so folgert daraus rein zwangsläufig eine Subjektivierung seiner analytischen Regeln. Ein Ich, das jeden Satz auf Fehler abklopft, folgt dem Diktat der Fehlersuche; eine Regel, von einem anderen menschlichen Verstand auf Grundlage einer Beobachtung, Errechnung, einer Theorie erstellt, kurzum etwas, das fehlerhaft sein kann, das Tücken und Fallen kennt, das sich relativieren, mit Gegenargumenten aushebeln lässt. (Wenn auch zugegebenermaßen nicht immer so leicht).

Akzeptiert man den Umstand der Subjektivität, relativieren sich damit nicht die Aussagen; sie objektivieren ironischerweise viel mehr den Zustand der Kritik in ihrer Qualität. Ein Kritiker, der sich eingesteht, nicht objektiv urteilen zu können, kann ernst genommen werden, da er die Regeln des Spiels anerkennt, die mögliche Banalität seiner Aussage, seinem Gleich-auf-Sein mit dem Gegenüber, der die konträre Meinung vertritt. Ein Kritiker, der seiner Kritik einen Rahmen der Fehlerhaftigkeit zugesteht, und sich damit vermenschlicht, ist ein Kritiker von Wert. Der Versuch hingegen, objektiv zu kritisieren, ist eine Anmaßung.

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3 Gedanken zu “Rausch, Wahn und die Frage nach Kunst

  1. giulio13reborn2014 schreibt:

    Netter Artikel, aber letztlich ist die Wanne voll Fett immer noch nicht geklärt. Außer die Antwort darauf wäre, dass es in meinem eigenen Ermessen liegt. Also wenn ich die Wanne voll Fett nicht hinterfrage ist sie keine Kunst. Richtig? Also sollte ich aufhören vermeintliche Kunst in meiner subjektiven Denkweise zu hinterfragen, um ihr erst gar nicht den Wert von Kunst zu geben. Genialer Artikel. Das erweitert meinen Horizont. Geil.

    Gefällt mir

    • Ja, die Frage nach der Fettwanne ist mehr eine figurative und daher (noch) unbeantwortet. Der Artikel ist Teil einer Reihe (oder zumindest als solche geplant), daher sei verziehen, dass es nicht sofort von 0 auf 100 geht.

      Ansonsten würde ich deiner Schlussfolgerung tatsächlich zustimmen. Es gibt natürlich viele verschiedene Herangehensweisen, um Kunst zu „begegnen“ und auch, sie zu definieren – viele davon sind vermutlich ebenso richtig, oder „richtiger“. Der grundsätzlich eher einfache Schluss der Interpretation (nach dem Motto: das entscheide ich schon selbst) erscheint mir selbst allerdings ziemlich hilfreich oder sogar oft als einzige Antwort auf einen komplett durch-intellektualisierten Fragenkatalog, der mir in der Regel zu absurd erscheint.

      Zudem entbindet diese Antwort durchaus nicht von der Frage, was „gute“ Kunst letztlich von „schlechter“ Kunst unterscheidet.

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  2. Pingback: Kopien, Ekel und die Frage nach Kunst | Talking Giants

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