Interviews

Wenn man’s anfasst, geht’s kaputt

by Matthias PanitzJacky-Oh Weinhaus ist die Königin der Nacht. Zumindest von einer dieser Nächte, in denen man dringend raus will und tanzen, weil das Blut brodelt, und man sich das T-Shirt anzieht und weiß: in ein paar Stunden ziehst du’s wieder aus – nur nicht mehr in deiner eigenen Wohnung.

Eine weiße Nacht, darüber herrscht sie, die schlanke, elegante Dame, der nur die Federboa fehlt, der Zobel und das glitzernde Hängerkleidchen, denn manchmal, da erinnert Frau Weinhaus an eine der Ikonen der 1920’er Jahre. Spielte sie in einem Remake von Reinhold Schünzel, sie wäre der Star. Vielleicht auch die einzige Schauspielerin. Zumindest spräche sie für alle Rollen. Die Eloquenz dazu hat sie.

* * *
Wer bist du und seit wann bist du du?

Mein Name ist Jacky-Oh Weinhaus. Wein-haus, J, A, C, K, Y, Bindestrich, O, H. Ja, eine – recht – kreative, unverfängliche und durchaus neumodische Schreibweise.

Was ist die Geschichte zu dem Namen?

Der Name…, ja, der kommt daher, dass ich 2008 auf einer Halloween-Party eingeladen war, hier in Berrrrlin, mit dem Motto ‚Amy Weinhouse‘, also: dem Künstlerin mit dem hohen Haar. Das war eine Bude vollgestopft mit Leuten, die eben alle so rumliefen wie dem Weinhouse und sich auch so betranken. Deswegen hatte ich überhaupt die Damenkleider im Haus.

Und wie kam’s dann vom Halloween-Schreck zur schaumgeborenen Verwandlung der Weinhaus?

Einige Zeit später trug es sich zufälligerweise so zu, dass ein Club-Veranstalter – übrigens von dem Club, in dem ich jetzt tätig bin – das SchwuZ – auf mich zukam und fragte, ob ich nicht Lust hätte, die Gäste hier abends ein bisschen zu ärgern; im Damenkleid bekäme ich dafür mehr Geld. Ich bin leider käuflich, deswegen sagte ich: ‚Sehr – sehr! – gerne!‘

Zwei Schlüsselmomente also?

Ich hab dann also meine alten – und wunderschönen – Fummel aus dem Kleiderschrank geholt, und über meinen Namen nachgedacht, der ist ja wichtig. Ich konnte mich natürlich nicht 1 zu 1 Amy Weinhouse nennen – selbst wenn ich diesen Turm aufhab – aber der Name musste sein, also hab ich mir das dann etwas zurecht gelegt, mehr Umlaute – und sehr viele Punkte. Und damit war sie geboren, die Äimi zu Weinhaus. Das war – Gott! – 2010. Im Laufe der Zeit musste ich meinen Vornamen dann allerdings meinem Charakter gemäß anpassen, so it’s just Jacky-Oh.

by Matthias PanitzDas heißt, du bist ein blutjunges Ding… !

Ja, ich bin ein Jungtransvestit. Ich hab mal in einer Siegessäulen-Ausgabe gelesen: ‚Jungtransen-Beauty: Jacky-Oh Weinhaus‘, da hab ich mich sehr darüber gefreut, weil ich ja auch recht nett anzusehen bin.

Im Vergleich zu anderen Drag Queens bist du zumindest kein Wanderzirkus, d.h. du zeichnest dich eher durch einen klassischen, zeitlosen Modegeschmack aus. Wie kommt’s, woher der Stil?

Ich glaube, den Geschmack hatte ich schon immer; ich denke mir das recht unabhängig voneinander. Ich find diesen Unterschied zwischen Frauen- und Männerklamotten sowieso komplett scheiße. Ob der Stil im Männerkleid jetzt allerdings genauso rüber kommt wie im Damenkleid möchte ich zu bezweifeln wagen, weil ich das nicht genau weiß – und ich muss auch selber sagen, dass mein Status momentan, also: wie ich jetzt grade bin, eher reduziert ist. Also ich mach mir jetzt nicht die Augenbrauen mit dem Klebestift weg; ich bin da eher ein bisschen zurückhaltender. Dafür ist mein Mundwerk größer.

Na, das sticht immerhin ziemlich raus.

Mein Mundwerk?

Dein Stil…

Achso, ja. Ich weiß nur nicht, ob das für immer so bleibt, Sweety. Dieser Stil ist momentan etwas, mit dem ich mich sehr gut identifizieren kann. Aber Travestie bedeutet steter Wandel. Das beginnt beim Make-up. Jedes Mal sieht’s ’n bisschen anders aus, man bemerkt: ‚Wenn ich das so mache, dann sieht’s schöner aus oder zumindest gefällt es mir besser‘, und beim nächsten Make-up ist es dann intensiver. Oder: anders. Mit mehr Lidschatten oder mehr Rouge oder anderen Lippen – das ist eben ein permanenter Wandlungsprozess. Wenn ich beispielsweise Fotos von mir von letztem Jahre sehe, ich fand mich letztes Jahr fantastisch-schön, dann denke ich jetzt eher: ‚Mensch, Mausi, hättste mal lieber… nä?, so!‘ Also: es ändert sich.

Warum Travestie?

Nicht, dass ich in meinem Leben irgendwann Heroin konsumiert hätte, aber… also: Travestie ist wie Heroin. Man macht’s einmal und es ist eigentlich scheiße, aber man liebt es. Es ist anstrengend. Es tut weh. Man bekommt Rasurbrand, die Füße sind immer viel zu groß für die Schuhe, der Kopf schwitzt und juckt, die Titten rutschen und das Korsett ist zu eng, aber man liebt’s trotzdem.

Wie viel von dem Kunstwesen ‚Jacky-Oh Weinhaus‘ verträgt sich denn mit der Realität – oder anders gefragt: Wie viel Weinhaus steckt im Alltag?

Ich glaube, ich kann das schwer trennen. Wenn ich im Fummel bin, bin ich zwar ein bisschen anders – vielleicht ein bisschen ätzender und lauter als sonst – aber ich bin nicht komplett jemand anderes.

Ist das Last oder Privileg?

Beides. Ich trau mich im Fummel halt mehr. Das denkt jede Transe in ihrem Leben mal. Meine Überlegung dazu: Wenn ich keine Frauenkleider an hab, dann könnt ich in bestimmten Situationen ja vielleicht mal genauso meine Fresse aufreißen. Ja, das wär gut. Aber natürlich heißt das als Umkehrschluss-Empfehlung auch manchmal weniger Dezibel – dann im Fummel.

Ich hab gehört, dass du niemals in Drag mit der U-Bahn durch die Stadt fährst.

Nein, also… nie möcht’ ich nicht meinen, aber ich… versuche es zum größten Teil zu umgehen. Wenn jetzt Halloween ist und die ganze U-Bahn voll mit Leuten, die beschissen aussehen oder zumindest anders aussehen, dann ist das in Ordnung. Wenn ich das zu den Stoßzeiten mache, ist es schwierig. Also. Wenn ich eine große Gruppe an Menschen hab – ja. Aber sonst… bin ich ein zu großer Hosenscheißer. Auch in Berlin. by Matthias Panitz

Warum?

Weil man so oft Geschichten von Leuten hört, die einfach nur weil sie anders aussahen, in der U-Bahn eins auf die Fresse bekommen haben. Dafür ist mir meine Gesundheit zu viel wert, und meine Klamotten. Und selbst das, was ich mir ins Gesicht geschmiert hab, denn das ist echt viel Arbeit, und ich hab keine Lust auf Typen, die einfach nur Probleme mit sich oder ihrer Umwelt haben, und denken, sie müssten da jetzt reinhauen.

Findest du, dass Berlin als ‚die toleranteste Stadt Deutschlands‘ überbewertet wird?

Schwule oder bisexuelle Menschen, die in der Öffentlichkeit – sei’s mit Küssen, Händchenhalten oder… äußeren Extravaganzen – auffallen, die werden öfters angefeindet, ja. Vieles davon bekommt man gar nicht mit, weil es weder in den Medien landet, noch irgendwer gern drüber redet. Nur wenige Fälle werden diskutiert. So wie die Sache mit Gérôme Castell. Das war dafür präsent, sehr lang sogar und mit sehr viel Rückhalt aus der Community. Das war eben ziemlich heftig.

Was ist Gérôme Castell passiert?

Gérôme travestiert schon seit sie geboren wurde und bekam ausgerechnet in Westberlin, am Savignyplatz, auf die Fresse, einem Ort also, wo man sich so im Allgemeinen denkt: ‚Ist nicht die Stelle in Berlin, wo ich besonders Angst habe, mit dem Fummel auf der Straße rumzulatschen.‘ Ich find’s daher schwierig, Berlin das Cliché aufzusetzen, dass die Stadt als solche besonders tolerant ist. Ebenso schwierig, wie zu behaupten, es sei gar nicht tolerant, so’ne Assi-Stadt mit lauter Arschlochschlägern.

Was ist dein Statement zu Russland?

Ein Desaster. Es ist das allerletzte. Mein Kommentar ist da vermutlich ziemlich kurz, aber es drückt alles aus, was ich zur Rechtslage in Russland zu sagen habe: Ich schäme mich Mensch zu sein, wenn ich das sehe.

Glaubst du, dass Deutschland im Kern wirklich anders ist in Sachen Homophobie?

Können wir diesen Kern aufteilen in viele kleine Stücke?

Klar.

Dann gibt’s in diesem Kern definitiv ein kleines Russland. Und diesen kleinen Russlandkern gibt’s auch in Berlin. Deswegen werden auch Leute angepöbelt, vermöbelt, fast tot geprügelt. In den anderen Stückchen gibt’s dafür aber auch sehr, sehr viel Gutes, sehr viel Offenes.

Was ist mit der Konkurrenz im Berliner Travestie-Business, ist die besonders hart? Sind die anderen Drag Queens alle böse Hexen?

Da muss ich jetzt sehr selbstverblieb — verblie? — Gott, bin ich betrunken (lacht), selbstverliebt muss ich da antworten: Ich hab wenig Konkurrenz, weil ich gut bin. Ich bekomme immer gutes Feedback, weil ich nicht nur schön aussehe, sondern weil ich auch redegewandt bin. Ich hab meinen eigenen Stil, meine eigene Nische, in der ich unterwegs bin, und das machen nicht alle.

Warum nicht?

Ganz einfach. Es gibt Funktionstransen und es gibt Partytransen. Ich bin eine Funktionstranse. Ich hab Frauenkleider an, weil ich damit arbeiten gehe, das ist mein Job. Aber es gibt genug andere Leute, die ziehen sich Frauenkleider an und gehen damit feiern. Das ist mir zu anstrengend. Was ich mache, kann ich unter den Grundbegriff ‚Performance‘ setzen, weil da nichts wirklich strikt voneinander getrennt ist. Also: das Ausschenken, Auflegen und Entertainen. Selbst wenn ich jetzt ’nur‘ zum Auflegen gebucht bin, bin ich trotzdem da – selbst wenn ich Pause hab – und dann seh ich anders aus. Die Gäste freuen sich, mich zu sehen, die machen Fotos. Selbst wenn ich schon offiziell frei hab, lass ich mich fotografieren und unterhalt mich mit denen. Das ist ein Performance-Gesamtkunstwerk.


Ein Kunstwerk, das auch Shows macht, richtig?

Ja, ich bin ’ne halbe Showhaus. Es ist nicht so mein Ding, dass ich meine Lippen synchron zu – zum Beispiel, mein Gott, wie passend – Amy Weinhouse oder Madonna oder zu sonst ’nem Plastikpüppchen bewege, aber wenn ich die Chance habe, etwas Besonderes auf einer Bühne zu machen, oder etwas, das einfach mal aus dem Rahmen fällt, dann mach ich das auch. Das darf sehr gern sarkastisch sein… Oder, also… eigentlich ist es das ja in der Regel immer, also: sarkastisch.

Du hast aber auch eigene Veranstaltungen… ?

Ja, eine Veranstaltung beispielsweise, die ich 1x im Monat im Rauschgold habe, heißt: ‚Titten raus, Schnaps rein. Experimentelles von und mit Jacky-Oh Weinhaus‘. Dort lege ich unter anderem Musik auf, die nicht… also… ich sage immer, diese Musik küsst den Mainstream, oder… Tussimusik, so nenn ich das auch sehr gern, es ist halt Tussi-Elektro-Indie-Pop…, irgendwie, aber das ist, was mir musikalisch am meisten Spaß macht.

Wie kommt die Veranstaltung zu ihrem Namen?

Die Party heißt deswegen so, weil Frauen, wenn sie mir ihre Titten zeigen, einen Schnaps umsonst bekommen. (Nach einer kurzen Pause:) Und wenn Männer mir ihren Penis zeigen. Natürlich.

Das passiert häufig?

Ich plaudere jetzt selbstverständlich nicht aus dem Nähkästchen.

Hat Frau Weinhaus denn einen anderen Männergeschmack als der Mann hinter der Schminke?

by Matthias PanitzNö. Hier wird nichts getrennt. Ich hab keinen Typ Mann, von dem ich sage, er solle so oder so aussehen, er müsse diese und jene Haar- und Augenfarbe haben. Das hat viel mit Ausstrahlung zu tun. Ich hab eine Grundlage von Größe und… trainiert wäre natürlich toll, aber wenn er jetzt kleiner ist als ich und vielleicht ’n Bauch hat und trotzdem strahlt, dann kann das wahnsinnig anziehend sein. Der muss nicht die optische Sexbombe sein. Hauptsache er hat was. Für mich.

Sexappeal of a diva wäre da —

Ach, das ist ja goldig…

— gleich das nächste Thema: Wird mit dir auf der Tanzfläche geflirtet, wenn du in voller Montur bist?

Also hinter dem Mischpult wohl eher nicht. Ich bin diesbezüglich sowieso eher… stumpf, weil ich solche Flirtaktionen in der Regel gar nicht erst schnalle. Wenn ich im Fummel bin, steh ich ohnehin im Rampenlicht, da möchte Frau ja auch hin – egal was sie macht: Ob ich nur dastehe oder… grad mal hinfalle, eine rauche oder die Tusche auffrische: ich steh immer im Vordergrund. Da aus den Blicken der Leute rauszufiltern: ‚Flirtet der oder die mit mir?‘ – das ist schwierig. Erst recht, wenn ich dann noch hinter dem Pult steh,… Es ist halt Arbeit, harrrrte Arbeit, und da bin ich in dem Moment eher schwerfällig, Sozialkompetenz zu zeigen und zu kichern und ‚Hallo‘ zu sagen und Küsschen zu geben. Ich lege eben auf. Und wenn ich auf der Tanzfläche bin, ist’s im Grunde auch nicht anders. Also – wenn ich nach Feierabend noch im Fummel bleibe, dann sind die meisten eh schon so voll, dass sie gar nichts mehr sehen.

Das heißt selbst auf der Tanzfläche kam noch keiner auf dich zu und sagte: ‚Du da im Fummel, du kommst jetzt mit mir mit?‘

Das passiert mir öfters bei Taxifahrern. Aber sonst… nein, ich hab halt im Fummel keinen Sex. Ich kann’s ja schon nicht leiden, wenn ich in voller Pracht angetatscht werde – egal, ob’s an den Haaren, den Titten oder im Gesicht ist. Das hier, Darling, ist was zum Anschauen. Wenn man’s anfasst, geht’s kaputt. Die Schminke ist sonst ruiniert, die Haare fallen runter, die Titten fallen raus. Da bin ich recht pragmatisch. Natürlich, wenn ich rausgeputzt bin, denk ich mir: ‚Heute biste voll die Schnitte, das komplette Gerät.‘ Aber trotzdem hab ich in dem Zustand absolut kein Bedürfnis, mich im Fummel bumsen zu lassen.

Letzte Frage: Was wünscht sich Jacky-Oh Weinhaus für die Zukunft?

Hollywood. (lacht) Schönere Haare. Weniger Rasurbrand. Glück. Glücklich sein. Ja. Mehr glücklich sein.

Danke Frau Weinhaus.

Bitte, Frau Winterin.

* * *
Kunst ist Wahrnehmung. Kunstmachen eine Frage der Wahrnehmungsfokussierung. Bei Missus Weinhaus liegt viel Fokus auf den Haaren, ob blond oder schwarz, tendenziell eher schwarz, Hauptsache gebürstet, glänzend, und wenn, bitte phantasievoll! Das gilt vom Schopf bis zur Sohle. Trümmertransen sind so 1945. Oder wie die Wiedervereinigung: Chaos. Ein Zustand, den eigentlich keiner wirklich ermessen kann, oder ermessen will. Und wer in hochhackigen Schuhen wie ein Mann läuft, anstatt zu schweben wie eine Lady, der hat das Spiel hier einfach nicht begriffen.

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7 Gedanken zu “Wenn man’s anfasst, geht’s kaputt

  1. Danke für diesen Einblick in eine mir zwar fremde, jedoch unglaublich lustmachende Welt. Ich habe gelacht, ich habe gehalskloßt und wäre bei Titten gegen Schnaps sofort dabei! Und dann habe ich noch einen Gänsehautmachsatz gefunden: „Ich schäme mich Mensch zu sein, wenn ich das sehe.“ Ich erlaube mir, Ihre Anrede aufzunehmen: Danke, Frau Äimi Weinhaus, danke Frau Alexander Winterin, es war mir ein Vergnügen, dieses Interview zu lesen. Herzlichst, Käthe Knobloch.

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      • Danke für die Einladung, ich lese mich seit gestern angenehmst angetan durch Ihren Blog. So angetan, daß mir heute nur eins übrig bleibt: Ich erlaube mir, Sie in meiner Bloglieblinksliste einzutackern. Ziept nur ein wenig…
        Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

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      • Zack! Eingefangen, auf den Leim gegangen, gekeschert… was auch immer. Und wennse jetzt noch stillhalten würden, könnte ich Sie auch noch manuell in meine Lieblinksliste einpflegen.

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