Interviews

Verletzte wird es immer geben

by Justine HøghSabine Wirsching schreibt über Sex. Und Beziehungen. Und die Frage, ob das alles überhaupt zusammenhängen muss. Dabei tanzt nicht nur Amanda Fucking Palmer im Hintergrund. Es geht auch um die ewige Suche nach sich selbst zwischen Bedürfnissen, Sehnsüchten und der Angst vor der richtigen Entscheidung.

Es liegt Konfetti auf dem Boden, die letzte Szene ist im Kasten. Alle haben getanzt beim Video-Dreh, es gab Luftballons und Tröten. Der Kameramann schüttelt noch den Vorhang aus. In der Wohnung in der Schwedter Straße wurde gerade ein Videoclip für ein Crowdfunding-Projekt gedreht. Es geht um Wirschings Erstling, den ‚Druckstaueffekt – Soundcheck: Berlin‘. Die Autorin grinst.

* * *

Sabine Wirsching, wer bist du eigentlich und was machst du?

Die Frage macht mich grade selbst ratlos. Versuchen wir’s mit Fakten: Ich komme eigentlich aus Hannover, lebe aber mittlerweile seit sechs Jahren in Berlin. Leidenschaftlich gern, übrigens. Ich bin Musikjournalistin, Bloggerin (auf ‚Text, Mags, Rock’n’Roll.‘), Texterin und generell eine Schreiberin. Ich habe Texte und Bücher schon immer gemocht, genau wie alles, was mit Schreiben zu tun hat. Deswegen habe ich auch meine Ausbildung zuerst als Buchhändlerin gemacht, bevor ich beschlossen habe, es mit ‚vom Schreiben leben‘ zu versuchen. Klappt bisher auch ganz gut, wenn man Beschreibungen von Pediküren und Hundefutter auch als ‚Schreiben‘ rechnet.

Ist Werbung wichtig?

Jein. Ich halte es für falsch, wenn alles nur noch über die Art der Darstellung läuft. Andererseits: Wer wird vom tollsten Produkt der Welt erfahren, wenn keiner davon erzählt?

by Justine HøghBraucht dein Roman Werbung, und wenn ja, welche?

Ich könnte ja jetzt arrogant sein – oder gnadenlos optimistisch – und sagen: Mein Roman spricht für sich selbst. Natürlich hoffe ich das, wenn er gelesen wird. Um Leser zu erreichen, brauche ich allerdings Werbung. Ich will dabei nichts versprechen, was das Buch nicht hält, aber hinter meiner Geschichte steckt mehr als nur eine unterhaltsame Lovestory, und das versuche ich mit meiner Form der Werbung bekannt zu machen. Werbung ist übrigens ein fieses Wort, das klingt, als würde ich aldimäßig Prospekte in Briefkästen stecken. (lacht)

Was machst du denn stattdessen?

Ich versuche etwa über meinen Blog die Fortschritte in Sachen Roman zu vermitteln, Interesse zu schüren (und zu schaffen) und potentielle Leser mit Begeisterung anzustecken. Bücher an sich sind ja passiv: Man muss sie selber aufschlagen und lesen – Filme oder Musik sind ja viel aktiver. Das ist zum Beispiel ein großes Thema, jetzt, da wir das Video für die Crowdfundingseite gedreht haben: Wie bringt man den Roman dazu, für potentielle Leser quasi lebendig zu werden? Wie vermeidet man das trockene Runterrattern von Inhalten und wie kann man auch die Idee hinter der Geschichte darstellen?

Und – was ist die Antwort?

Die Praxis sieht so aus, dass ich schon vor dem Start des Crowdfundings Updates zum Projekt gebe – zum Beispiel heute morgen, als ich von der Musikerin Amanda Palmer die großartige Nachricht bekam, dass sie mich beim Crowdfunding unterstützen wird. Oder als ich vor kurzem einen Untertitel für den ‚Druckstaueffekt‘ suchte und über eine Blogumfrage und eine regelrechte Kommentarschlacht mit ‚Soundcheck: Berlin‘ die perfekte Lösung geliefert bekam. Lange Rede, kurzer Sinn: aktiver Kontakt, Publikumsbeteiligung und Begeisterung. Ich denke, das funktioniert besser als anonyme Postwurfsendungen. Gerade, wenn man wie ich ein Neuling in der Verlags- und Buchszene ist.

Wie ist denn deine Einschätzung zur zeitgenössischen deutschen Literatur?

‚Axolotl Roadkill‘, ‚Fucking Berlin‘ und Wolfgang Herrndorf? Ich glaube, dann sage ich, dass es Hoffnung gibt (lacht). Ehrlich gesagt, bin ich mir im Moment nicht ganz sicher, was das deutsche Verlagswesen so vorhat. Als ich versucht habe, mein Manuskript unterzubringen, bin ich bei 11 Agenturen gescheitert – bei der 12. habe ich vor den kritischen Augen der noch recht jungen Vor-Lektorin bestanden und wurde dann von den reiferen Damen der Agenturleitung abgelehnt.

Woran liegt das deiner Meinung nach?

Als Buchhändler lernt man, dass sich nicht nur Sex, sondern auch Crime am schnellsten verkauft. Oder es muss etwas total Abgedrehtes oder Wunderkindmäßiges sein, wie die Teenager-Autorin vom ‚Axolotl‘. Wenn man wie mein Roman irgendwo zwischen Literatur und Unterhaltung liegt, zwischen Sex und Tabu-Thema (denn das sind Promiskuität und unverbindliches Liebesleben à la Berlin ja immer noch irgendwie), dann hat man es schwer, überhaupt in Rufweite eines Verlages zu kommen. Da liest man stattdessen großartige Sachen in Blogs, die nie ‚veröffentlicht‘ werden.

Ist Crowdfunding daher die Zukunft?

Auf jeden Fall sehe ich darin eine Möglichkeit. Irgendwas muss sich bewegen im Buchmarkt, da hängt alles fest zwischen ‚Unverlangt eingesandte Manuskripte werden nicht bearbeitet‘ und E-Books, die irgendwie auch keiner so richtig will. Crowdfunding ist definitiv eine Chance, wieder by Agathe FriguetDynamik ins Lesen zu bringen und den ganzen verquarzten Strukturen ein bisschen einzuheizen. Am Ende geht es doch um den Leser – und das ist für mich das beste Argument, ihn eben auch von Anfang an einzubinden. Im Laden entscheidet der Leser, für welches Buch er sein Geld ausgeben möchte; Crowdfunding ist also im Prinzip nur eine Art der Vorbestellung. Mit dem Unterschied, dass der Leser so auch gleich mitbestimmt, was später im Laden liegt. Echte Demokratie, sozusagen.

À propos Unterschied: Was hat es mit diesen Frauen- und Männerbüchern auf sich?

Gibt es Männerbücher? Also, offiziell?

Nicht offiziell, nein, aber Abenteuerromane, viele Thriller, Krimis, Selbstfindungsbücher – die werden erschreckend oft als ‚männlich‘ verstanden.

Ich denke, dass es immer Bücher gibt, die mehr von Frauen und welche, die mehr von Männern gelesen werden. Um es total blöd zu sagen: Vermutlich gibt es wenig Männer, die so etwas wie ‚Bridget Jones‘ lesen. Sci-Fi und Wissenschafts- bzw. Action-Krimis werden vielleicht eher von Männern gelesen. Ich habe dabei immer noch ein Problem damit, meinen Roman so gesehen mehr in der Kategorie ‚Frauenbuch‘ einzuordnen. Tatsache ist, dass meine Geschichte bei Frauen zwischen 25 und 35 bisher am meisten Anklang fand. Vielleicht liegt das daran, dass die Männer in der Geschichte nicht gut wegkommen (das tut die Protagonistin aber auch nicht). Ich weiß nicht, ich arbeite hart daran, mich selber vom Frauenbuch-Cliché ‚pink, prada, larifari‘ zu verabschieden. Frauenbuch muss ja nicht per se kitschig, albern und flach heißen. Ich hoffe, dass es das für mein Buch nicht heißt, auf jeden Fall. Also wenn mein Roman ausschließlich von Frauen gelesen würde – dann juchhu! Dann hätte ich Leserinnen! Und wenn ein Mann es liest, ja prima! Ein Leser! Großartig! Ich halte nicht viel von Gendervorschriften, wie man sich selber definiert, sollte man sich von keinem vorschreiben lassen. Also Männer, lest ‚Frauenbücher‘! Frauen, lest doch mal einen schönen Jack London!

Und was ist deine Einstellung zu Beziehungen?

Jeder so, wie er’s mag. Und wenn es nicht klappt: Bitte nicht nur jammern, sondern ändern. Und sich dabei zuerst an die eigene Nase fassen. Ich find es gut, wenn Menschen aus Liebe heiraten. Ich finde es toll, wenn Menschen ihr Leben lang glücklich zusammen sind. Und ich finde es genauso gut, dass man in einer Stadt wie Berlin alle anderen Modelle ausprobieren kann. Ich würde niemanden für die Art seiner Beziehung verurteilen – es sei denn, er wiederholt dabei Fehler, die ihn selber stören. by Justine HøghDann kann ich, glaube ich, ziemlich garstig werden.

Ich persönlich glaube allerdings nicht an ‚den Einen‘ in dem Sinne, dass ein einziger Mensch alles für einen sein kann: Freund, Partner, Geliebter, geistiges Gegenüber – wie soll das denn auch gehen? Kann man selbst das etwa für einen anderen leisten? Wohl kaum. Oder in den seltensten Fällen. Ich glaube, da liegt das Problem vieler Beziehungen: die viel zu hohen oder unterschiedlichen Erwartungen, die auf eine einzige Person projiziert werden. Ich denke aber, dass es dafür Lösungen gibt, zum Beispiel über einen intakten Freundeskreis, es muss also nicht mal immer eine sexuell offene Beziehung sein. Man sollte aufhören, diesem Hollywood-Cliché von Perfektion und Happy End zu glauben.

Wie gut tut dabei die Stadt Berlin?

Im Sommer tut’s gut, im Winter tut’s weh (lacht). Nee, ich glaube, das ist sogar eine sehr passende Metapher. Der Sommer ist die Jahreszeit, in der alles leicht fällt – da ist es großartig, in Berlin zu sein und alle Möglichkeiten zu haben. Überall warten Flirts und One-Night-Stands und oft erlebt man mit Menschen, die einem vor fünf Minuten noch fremd waren, die tollsten Sachen. Gestern Abend zum Beispiel saßen zwei, die sich sicher noch nicht lange kannten, in zwanzig Metern Höhe oben auf dem Bogen der Brücke am Ostkreuz. Und am Ende des Abends sind sie vielleicht mit jemand ganz anderem im Bett gelandet. Das macht u.a. auch den Charme der Stadt aus. Die Winterseite zeigt sich dann, wenn sich die Unverbindlichkeit und die Möglichkeiten verselbstständigen und sich keiner mehr festlegen will – oder kann. Wenn der, der einem eben noch die Brücke raufgeholfen hat, am nächsten Tag nicht mehr auf Anrufe reagiert oder ein lapidares ‚Du, das wird mir alles zu eng mit dir‘ zurückschreibt. Dann kann Berlin ganz schön kalt sein.

Wie lässt sich das deiner Meinung nach denn überwinden? Sollte man im Winter vielleicht in den Süden reisen?

Das sowieso. Vielleicht lässt sich einiges überwinden, wenn man die eigenen Wünsche und Ängste einigermaßen und vor allem ehrlich im Blick hat. Wenn man weiß: Will ich nur Partymachen oder will ich eine Partnerschaft? Und das dementsprechend kommuniziert. Verletzte wird es immer geben. Womit ich jedoch zum Beispiel selber einfach nicht klarkomme, wenn aus ‚Ja‘ oder sogar ‚Nein‘ ein ‚Vielleicht‘ wird. Das hat ja auch by Justine Høghden Ausschlag gegeben, den ‚Druckstaueffekt‘ zu schreiben. Der Witz ist nur: Man denkt immer, es seien die anderen, die unverbindlich geworden sind. Und dann stellt man fest: Halt, scheiße, ich mache das ganz genauso. Und da wieder rauszufinden… Vielleicht würde eine Reise als Break da tatsächlich helfen. Mal sehen, wie das woanders läuft. Aus meinem Abi-Jahrgang in der Hannoveraner Kleinstadt sind viele schon seit über zehn Jahren zusammen und mittlerweile verheiratet. Es geht also offensichtlich noch. Ob das für einen selbst das Richtige wäre… na ja, für mich offenbar nicht, sonst wäre ich mit Berlin nicht so zufrieden.

Ich danke.

Ich danke. Immerhin war das gerade mein erstes Interview – sonst sitze ich ja immer auf der anderen Seite des Mikros!

* * *

Der Fluch der Unverbindlichkeit, der einem das Begehren in die Augen schraubt wie Diamanten, lässt uns die Verführung jeden Tag und jede Nacht erneut durchleiden. Da heißt es: Du bist, wen du begehrst. Du willst, was du wollen kannst. Du bekommst, was dir schmeckt. Ist das der Preis der Freiheit, und zahlen wir ihn gern? Wenn Ehen nicht mehr arrangiert und manche Beziehungen zwischen Clubtüren, im Rausch der weißen Nächte geschlossen werden – wie wird man dann glücklich? Oder ist Glück nur ein Gästelistenplatz? Sabine Wirsching nimmt den Staubsauger, das Konfetti muss weg. Auch das ist eine Antwort.

Sabine Wirsching: ‚Druckstaueffekt – Soundcheck: Berlin‘ erscheint im Frühjahr 2015 im kladde|buchverlag. Und unterstützen könnt ihr sie hier: www.visionbakery.com/druckstaueffekt

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10 Gedanken zu “Verletzte wird es immer geben

  1. Tolles Interview und Deine Haare! Wow! Verzeihung, aber ich bin fasziniert. 🙂 Und Buchhändlerin bist Du, auch toll. Ich wünsche Dir großen Erfolg und reißenden Absatz, was Dein Buch angeht und natürlich auch sonst! Hat sehr gefreut, das hier zu lesen. Ich drücke die Daumen! Und wenn das Buch erscheint, dann bitte melden. 🙂

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    • hihi 😀 danke!! auf jeden fall geht am 15.09. erst mal mein crowdfunding los… über meinen blog halte ich da jetzt schon über alle entwicklungen auf dem laufenden (ist nämlich eine ganz spannende sache, sogar bei der vorbereitung) und daaaann… dann geht ’s hoffentlich bald richtig los!

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  2. Ich wollte in meiner verspäteten Begeisterung gleich hier eine Liebeserklärung in die Tastatur hämmern…Halt! Stop! Hier gehört ein Dankeschön für den Interviewer hin. Großartig. Hat Spaß gemacht, es zu lesen. Ist es zu spät noch mehr Konfetti zu streuen? Egal, ich machs. Und jetzt gehe ich die Frau Wirsching mit Scheißherzchen bewerfen.
    Herzlichst, Käthe Knobloch, Bitte mit o.

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  3. Pingback: “Druckstaueffekt”: Die ganze Story. | Text, Books, Rock'n'Roll.

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