Begegnungen

Das Ende einer Epoche

by Alexander WinterDa sitzt dieses Mädchen; sie raucht gierig eine Zigarette, und wenn sie redet, klingt sie wie ein einstürzendes Haus. Sie sagt, die Gesellschaft gehe vor die Hunde. Sie sagt, die Deutschen seien ja auch schon längst am Ende. Man müsse was tun!

Sie zitiert irgendeinen Politiker, eine Statistik; sie spricht von der Krise wie von einer Übergangslösung, spricht von der kommenden Inflation; davon, dass Europa alle Grenzen schließt, an den Küsten Spaniens, in Italien da gibt es Mauern, in Griechenland bauen sie Zäune. Dass sie Menschen deportieren, aus Österreich, aus Frankreich, aus Deutschland; die illegalen Menschen und die vertriebenen Menschen und die Flüchtlinge, die auf ihren Booten kommen, in den Lkw-Anhängern, überall, nur nicht in deiner Stadt. Sie sagt, dass die Politik in Europa immer rechter wird. Dass die linke Szene tot ist, und das Tote nichts mehr als bloß ein Amoklauf. Dass wir nicht wissen, was wir tun. Dass wir mit dem Zeitungspapier rascheln. Syrien, Ukraine, Westjordanland. Sie sagt, wir hätten uns längst an die Auflistungen gewöhnt, an all die Namen, die kommen und gehen, die ihre Todesopfer mitbringen, und auch das ein oder andere Bild; jeden Tag hören wir von dem kommenden Widerstand, Aufstand, Handstand, und wieder wird ein Demonstrant erschossen, und wieder hört man von polizeilicher Gewalt, und wieder installiert man drüben an der Straßenecke eine Überwachungskamera und das Volk klatscht müde Applaus. Sie sagt, es hätte längst begonnen. Das Entertainment habe uns ausgesaugt wie eine Spinne die lästige Fliege, und blutleer und eingetrocknet rege sich nichts als ein Gedanke: Es ist der Hunger.

Ein Hunger, der sich nicht mit den Kiwis aus Neuseeland stillen lässt; der keine Ruhe lässt bei all dem Fleisch in den Kühlregalen, den Biomarkensiegeldioxinschönwetterwolken. Keiner hungert. Alle hungern. Sieben Milliarden Menschen taumeln, taumeln, taumeln. Babylon erwähnt sie als ein Stichwort. by Guy DenningSie zitiert das Unsichtbare Komitee, indem sie sagt: Diese Welt würde nicht so schnell rasen, wenn sie nicht ununterbrochen von ihrem nahenden Einsturz verfolgt würde, und sie zieht an der Zigarette, und spricht ganz ruhig weiter. Sie sagt, sie habe es satt zu warten, habe satt zu akzeptieren, wie alle Welt den Müll reformieren wolle, aber keiner das System, die eigentliche Produktion. Müde seien sie, die jetzt Knapp-Dreißig-Jährigen, die Frühen-Vierziger, müde seien sie vom vielen Arbeiten, und Wollen-Müssen, vom Überlebenskampf zwischen Fernsehsendungen und Billigmikrowellenfressen; sie schämen sich nicht für ihre Gleichgültigkeit, ihre Resignation verkaufen sie als Sinn für die Realität. Sie wollen keine Nestbeschmutzer sein, sagt sie. Leute, welche die Hand amputieren, die sie füttert.

Sie glauben verzweifelt an diesen Kapitalismus, den sie als Demokratie vermarkten. Sie klammern sich an die Leere, die sie selbst erschaffen haben, da sie Angst vor neuen Inhalten haben. Deswegen müsse man sich vor der Leere verbeugen, deswegen müsse man sie anbeten wie eine Göttin, herabgestiegen by Alexander Winteraus dem erschöpften Verstand all jener, die Ja sagen, weil sie die Konsequenz eines Neins fürchten. Jahre gehen hin – Jahre! – und aus naiven Idealisten werden resignierte Konsumenten. Sie sagt, sie habe diese Ernüchterung satt, sagt, sie könne sie nicht mehr ertragen, all diese Bierkneipendiskussionen von engagierten Studenten, die sich mit Ende 20 trotzdem an Konzerne verschachern werden. Konzerne, die sie trotz (oder gerade wegen) aller Wettbewerbspolitik für ein unbezahltes Vierzig-Stunden-Praktikum mit einem Copy-and-Paste-Zwischenzeugnis und einer Xing-Verlinkung im Profil entlohnen werden. Das sind Menschen, die es hinnehmen, auch am Wochenende zu arbeiten, obschon sie nicht einmal bezahlt werden – weil vom Team die Rede ist, vom Team!, dessen Teil man sei, und darum ein Nichts an Mensch, aber ein Alles an Gruppe. Die belogen werden, systematisch belogen, und die diese Lügen akzeptieren, weil sie Angst haben, sich nicht mehr vor der ewigen Bedrohung Armut retten zu können. Nicht mehr die Miete bezahlen zu können, bald auf der Straße sitzen zu müssen. Hartz IV zu empfangen. Abschaum zu sein, der nicht mehr konsumieren kann, sondern bloß vegetieren.

Ein Mensch will niemand mehr sein. Den Humanismus haben sie alle längst aufgegeben. Die Bildung auch, das Interesse am anderen.

Sie sagt, alle seien so beschäftigt damit, sich selbst zu schützen. Jeder müsse sich ständig vorm nächsten verteidigen. Man könnte ja verletzt werden. Wieder und wieder könne ein andrer das Herz brechen, das ohnehin schon tausendmal gekittet wurde. Alle sind sie damit beschäftigt, ihre Enttäuschungen zu formulieren, die permanenten, überall lauernden. Jeder sei permanent enttäuscht, daher dürfe man ja auch keine Erwartungen mehr haben. Also sagt man lieber ein Wort zu wenig, bevor einem aus Versehen doch einmal das wahre, das echte rausrutscht, das zu viel verrät. Übrig bleibt das Schauspiel, die Lüge, der Betrug.

Sie zieht ein letztes Mal an der Zigarette und zerdrückt sie dann an der Tischkante zu Asche. Sie sagt, immer noch Rauch ausstoßend, es sei maßgeblich ein Zeichen für das Ende einer Epoche, wenn sie dekadent, wenn sie krank geworden sei. Sie zeigt auf alle, die sich im Café Morgenrot aufhalten, und sagt: Tatsache ist, dass wir alle längst weiter sein könnten. Dann nimmt sie ein Blatt Papier, einen Rotstift nimmt sie auch, und schreibt in kleinen hastigen Buchstaben einen Satz hin, den sie zwei Mal unterstreicht: Die natürliche Welt ist auf dem Rückzug.

Sie sagt, dieser Rückzug sei unsre Chance. Es sei nur noch eine Frage der Zeit; es ließe sich an einer Hand abzählen. Sie wolle sich vorbereiten. Sie wolle noch mehr darüber lesen, solange sie könne. Über Landwirtschaft, und Energie. Sie wolle wissen, wie man die Menschen in der metropolitanen Gesellschaft eigentlich erreiche. Also erwähnt sie Namen wie Uri Gordon, Noam Chomsky und Horst Stowasser. Sie empfiehlt sie wie Medikamente.

Am Ende sagt sie, wir sollten uns wieder sehen. Sie reicht mir die Hand, die trocken ist und rauh. Sie sagt, ich solle darüber schreiben, weil ich gut mit Worten umgehen könne. Sie wolle aber keine Namen lesen, später. Die Zeit der Namen sei vorbei.

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5 Gedanken zu “Das Ende einer Epoche

  1. laura schreibt:

    Es gibt nicht mehr soviele, die gut mit Worten umgehen können. Vielleicht auch eine Folge oder Nebenwirkung der allgemeinen Abstumpfung. Deine Texte lesen sich wirklich toll. Hier wird sie, die Namenlose, beinahe zur Romanfigur =) Gerne mehr!

    Gefällt mir

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