Begegnungen

This other kind of blood

by Serjosha ClarkeMit 27 Jahren hat Phil Biscott bereits 2/3 der USA bereist, war Truckerfahrer, Kellner, Hausbesetzer, Farm-Arbeiter und Rettungsschwimmer. Auf einer Party in Kreuzberg treffen wir uns durch Zufall und reden stundenlang. Vor allem über seine Familie.

In Cincinnati, Ohio, ist er geboren. Dort ist er aufgewachsen. Er erzählt mir von den Brücken, vom Glück unzähliger Sommer; ich sitze neben ihm, im Hintergrund tanzen die Leute.

Das Dröhnen der Züge, das Rattern der Schienen – die Sehnsucht nach Ferne hatte ihn immer wieder zu den Gleisen getrieben, als die Sonne rot und schwer war, und der Himmel ohne Unterbrechungen. Er hatte den Güterzügen nach Indianapolis nachgesehen, nach Louisville und Columbus – mit den Beinen über dem rostigen Geländer und den Füßen in der Tiefe baumelnd hatte er dort gesessen, und die Namen der Städte vor sich hergesagt: India-na-polis, Lou-i-sville, Co-lum-bus, Städte mit Menschen, die nicht wussten, wie tief ein Stein im Ohio River sinken kann, die keine Ahnung von der Gewalt hatten, die einem die Distanz antun konnte, die zwischen einem selbst und dem fernsten Punkt am Horizont lag – einem Punkt, den man nie erreicht, egal, wie schnell man auch rennt. Dort hatte er nachgedacht, über seine Familie, über sich. Jeden Abend.

by Folk MagazineSein Vater stammte aus Toledo, erzählt er. Eisenwarenhändler und das Blei in den Augen. Der war immer zum Fischen an den Eriesee gefahren, den Phil Lake Eerie nennt, den unheimlichen See – viel zu oft war der Vater dort mit sich allein gewesen, stundenlang in dem Boot, dessen Blau abblätterte und Weiß vergilbte; er brachte nie den Fisch mit, den er den Kindern versprach. Ihm und Lucy, seiner Schwester, und Pat, seinem Bruder, alle jünger als er, aber das war auch okay. Irgendwann erwartete man weder den Fisch, noch den Vater. Sie waren sich nie sehr nahe gewesen, der Mann aus Toledo und sein erstgeborener Sohn, hatten nicht viel gesprochen, ein Good Morning, ein How was school, nichts sonst, kein Wort über den ersten Kuss, über Susan, die blond gewesen war wie Weizen und dreimal so dumm, kein Wort von der Sehnsucht und dem Streben nach mehr. Und dann war es plötzlich zu spät.

Im Mai 1999 war sein Vater nicht mehr nach Hause gekommen. Es war ein Herzinfarkt. Er starb noch auf dem Boot. Das trieb drei Tage auf dem Wasser, ungesehen schlug der See gegen den Bug und die Zeit gegen den Toten. Als die Nachricht kam, erlitt Phils Mutter einen Nervenzusammenbruch, wie ihn nur Verliebte erleiden: Ab dem 8. Mai 1999 erreichte die Vergangenheit ihn nicht mehr und nie wieder, den Eisenwarenhändler, er blieb für immer im Jetzt – so, als hätte er nur kurz das Zimmer verlassen. Sie sprach von ihm, wie von einem Heiligen. Von einem, der jeden Cent für die Kinder sparte, die Kinder, oh, wie er die Kinder liebte – kein Toter im Grab konnte so sehr seine Kinder lieben wie dieser.


Phils Mutter war Deutsche, vom Blut her eine von vielen, die Urgroßmutter war mit den nötigen Habseligkeiten aus Preußen hergekommen, ihr Urgroßvater, ein Münchner, mei, hie noohs eweriesing abaud bier, fügte sich schnell ein ins System, in die große Brauerei von Columbus: they’ve been German as German can be. Die deutschen Tugenden blieben ein Familienmotto, Siegelringe, die man an die nächste Generation vererbte: Tüchtigkeit, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit. Was das eigentlich hieß, das wusste Phils Mutter allerdings selbst nicht mehr zu sagen. Spätestens als die Großeltern gestorben waren, verblich der deutsche Glanz und die Tugenden schrumpften zu bloßen Wörtern, die man sich hersagen konnte in Zeiten der Not. Think about the Tucht-eig-keit, think about the Punk-litch-keit. Es gab nichts mehr zu denken. Die Familie brach nach dem Tod des Vaters langsam auseinander.

Es war wie ein Wackelkontakt, der alle Lichter ausgehen lässt. Kein Kaffeegeruch mehr morgens, nachts kein Fernseherflimmern bis um halb eins. Die Schlüssel klackerten nicht am Haken, die Stiefel blieben ungeputzt. Seltsam, wie dieser stille Eigenbrötler ohne Empathie alles zusammengehalten hatte. Als wäre seine Anwesenheit nötig gewesen, damit die Familie funktionierte, die Kleinigkeiten, die stummen Rituale.

Jetzt erstarrte alles, die Wohnung wurde zu einem Museum, zum Grabmal für einen Mann, der nie existiert hatte. Seine Mutter brachte Opfer für einen toten Gott. Nachts, wenn Phil nach Hause kam, stand stets ein leeres Rotweinglas am Spülbecken; er fand die Korkenreste manchmal unter dem Tisch. Lucy und Pat weinten, oft ganz unvermittelt, und sie schliefen schlecht. Vermissten sie den Vater – oder nur den Rhythmus der Tage? Sie waren noch so klein. Wie leicht bringt man das Leben von Kindern durcheinander… ?

by Michael BainEines Abends auf der Brücke – das Dröhnen der Güterzüge im Nacken – hatte er gespürt, wie es ihn plötzlich fortzog. Er spürte this other kind of blood, dieses andere Blut in sich, diese plötzliche Erkenntnis, die einem Wahrheit eingab, Klarheit. Dass einem die Ferne vielleicht in den Genen lag und nicht bloß in den Augen. Dass einen die Füße vielleicht solange tragen können, wie die Straßen und Wege reichen, aber dass es das Herz ist, das einen stets weiter gehen lässt – noch über alle Wege hinaus. Er musste weg. Weit weg.

Mit 18 packte er also seine Tasche, einen alten Armee-Rucksack seines Vaters: Basecap und Unterwäsche, eine Handvoll T-Shirts, ein Taschenmesser und ein bisschen Geld. Er schrieb seiner Mutter, sie solle mit dem Trinken aufhören und wenn sie’s nicht schaffe, Pat und Lucy zu ihrer Schwester nach Wisconsin geben; er hinterließ ihr zwei Nummern von Freunden, wo sie ihn in Kürze erreichen könne; er schrieb ihr, dass er sie liebe. Er ging morgens, noch bevor der Schulbus kam, er ging immer nach Westen bis zu den Gleisen, er ging bis er das Meer fand und dort eine Aussicht auf Leben.

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2 Gedanken zu “This other kind of blood

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