In bed with...

Paul

Franziska LinkerhandPaul ist 34 und ‘n echter Berliner. Viel mehr weiß ich eigentlich auch nicht von ihm. Wir liegen bei mir im Bett, es ist Sonntag, der Regen hört grade auf. Paul und ich reden nicht viel – bis er Franziska Linkerhand neben meinem Bett entdeckt. 

Paul: Oh Gott. Das liest du?

Er setzt sich auf, bringt die Decke zum Rutschen, zeigt Haare, Nippel, Muskeln. Sein Gesicht ist etwas verbraucht von der Nacht, wir haben kaum geschlafen, aber er sieht gut aus, jünger als 34: die braunen Haare kurz, die Tolle schief, der Bart kupfern und die großen Augen dunkelbraun, fast schwarz – wenn auch zerschossen von kleinen, geplatzten Äderchen. Als er nach dem Buch greift, leuchtet das Tattoo auf seinem Rücken auf – ein Totenkopf aus Kanarienvögeln. Ich finde, er sollte sich öfters bewegen.

Ich: Ja. Das les ich.

In Franziska Linkerhand geht es um eine Architektin, die Linkerhand, und um Neustadt, eine vor die Tür gestellte Schachtel: ein Konstrukt aus Beton und Glas, darin: kein Leben. Wohnstadt für Wohnmenschen, moderne Fernsehhöhlen für den perfekten Arbeiterstaat. Es geht um den Abgesang der Ideale, den Kampf der jungen Architektin gegen die Altvorderen, gegen die kleinen Gesellschaftsgrüppchen einer artifiziellen Stadt in einer großen Gesellschaftsgruppe eines artifiziellen Staates namens DDR.

Paul: Ist doch alles längst überholt. Was interessiert dich das überhaupt, du als Wessi, als Spätgeborener und Wendekind.
Kein Fragezeichen, keine gehobene Stimme. Aussagen wie Kinnhaken. Er blättert und blättert, von Knick zu Knick, von vorne nach hinten.

Ich: Mir geht’s da um diesen Idealismus, diesen vergebenen, das Bessergemeinte-und-Nichtgewordene, das lässt sich doch überhaupt nicht überholen, im Gegenteil – die Frage bleibt ganz aktuell: Wie nicht zerbrechen angesichts der Gesellschaft, dieses Kollektivs, das noch heute schaltet und waltet, das dir deine Hände ins Getriebe steckt und sagt: Wir alle sieben und mahlen, wir backen ein Brot, das alle sättigt. Aber niemand ist satt, alle Welt hungert.

Deutschland, denk ich in Klammern, deine Mentalität ist die eines Galeerentrommlers. Alles geht um den Hunger nach Form und Farbe, nach Lebendigkeit hinter doppelverglasten Fensterscheiben – vom ersten bis zum fünften Stock nichts als Ikea-Katalog-Lebensqualitäten…

Paul: Du hast doch gar keine Vergleichsmodelle. Du bist im Westen geboren, aufgewachsen, als die BRD die DDR gefressen hat.

Ich: Was hat das denn damit zu tun?

Ich spüre die Mauer im Mund, die ich nie gesehen habe, den Stacheldrahtzaun und die Warnschilder auf Augenhöhe. Polternd: Verpasste Gelegenheiten – kein Russisch in der Schule, keine Datscha, kein Wir. Nur ein Ich. Es stimmt: Ich sitze hier in meiner Westwohnung, ich als Westdeutscher in meinem Westleben, mit meinem Westjob und den Westbüchern im Schrank. Ich, der Westdeutsche, der stets Europäer war, begreift 24 Jahre nach dem Fall der Mauer: die Mauer. Getrennte Räume im geteilten Haus.

Paul: Na, alles! Du hast doch keine Ahnung, von was die da schreibt! Ist dazu bestimmt noch die zensierte Version!

Jedes Wort mit einem Ausrufezeichen dahinter. Er legt das Buch zur Seite wie ein Kleidungsstück, eine Socke vielleicht.

von Transglobe AttardFranziska Linkerhand ist nichts, was sich überholen ließe. Es geht immerhin um eine Frau mit Idealen, die den Zweikampf verliert: Linkerhand vs. die Realität. Da steht’s anfänglich noch 1 zu 0, dann später führt der Staat, der sich breit macht im Denken und Nichtdenken(-dürfen); in Statistiken über Suizid und Vergewaltigungen, aber darüber reden wir nicht. Und tun’s indirekt doch! Zumindest solange, wie noch wer da ist im Haus und die Kaderakte liest, kommentiert: Fr. Linkerhand führt sexuellen Verkehr mit W. Trojanowicz, aber weswegen ein Geheimnis draus machen? Jeder weiß alles. Was soll man auch nur mit sich anfangen? Wie nicht neugierig sein?

In Neustadt gibt’s kein Kino, kein Theater, keine Ablenkungen. Das ist ein ganz zeitloses Modell: auch im Süden haben sie die Menschen so gehalten, in ihren kleinen, beschaulichen Fachwerkhäusern mit Satellitenschüsseln und zweihundert Kanälen am Tag – aber keine Zukunft: zwischen Bushaltestellenhäuschen und Straßenschildern saufen sie und seufzen müd: wohin nur ohne Auto?! Bis sie alt genug sind und das Auto vom Vater, der Mutter, von irgendwem borgen und dann geht’s mit zweihundert Sachen über Land – bis der Horizont ganz klein ist vom Fahren, nach dem nächsten Hügel schon,… Was soll noch kommen, wenn alles bereits da ist?

Das Politische hat sich nicht überlebt; es ist noch immer aktiv. Es durchwebt den Tag, Berlin, mich.

Ein Leben, das sich gelohnt hat*, wie die Linkerhand sagt, das funktioniert nicht ohne Leidenschaften, die sich schnell entzünden und hell verbrennen. Manchmal bleibt Asche über. Nicht nur im Privaten. Auch im Allgemeinen: Oh, dein Deutschland, dein Wehmutszeugnis, ausgestellt auf einen verlorenen Staat – aber nicht: auf ein verlorenes Volk. Die andren, die sind nämlich noch da. Die hatten ihre Leidenschaften, ihre Hoffnungen und Ideale. Die gehen jetzt jeden Tag durchs Bekannte, und um sie: Neustadt aus Ruinen, das nennt sich Berlin.

Ich: Hier erheben sich die gleichen, glatten Fassaden und all das Eigene, all das Private sickert zwischen Starbucks und Dukin’ Donuts auf die Straßen, wo die Leute stehen – stehen, wenn einer zusammengeschlagen wird – wie im Buch, als eine Frau vergewaltigt wird und sie alle stehen am Fenster und glotzen – das ist doch heute, das ist doch jetzt.

Nur die Zensur – die passiert jetzt im eignen Kopf. Nicht in den Köpfen da oben. Die schneidet Langeweile aus dem Gesamtbild und nennt es eine kluge Kürzung. Wer ist das eigentlich, der darüber zu entscheiden hat, was alles zu sagen ist? Lass der Frau doch ihre überlagerten Geschichten, lass ihr ein lebendiges Unglück! Wie nicht von einem schreiben, den man bereits verloren hat? Wie nicht vom Kämpfen schreiben, wenn man selbst längst gescheitert ist? Diese Reimann hat eine Sprache dazu gefunden, die dir direkt ins Auge geht, ins Herz wie ein Gewehrschuss.

Paul: Ja, und jetzt?

Er deckt sich auf, sich und seinen lauernden Körper.

Ich: Nichts Und jetzt? Es passiert nicht mehr als das: Des-illusio-nierung.

Ich sprech‘s besonders langsam aus. Fast zum Buchstabieren.

Die goldenen Tage haben alle längst den Lack ab. Geh nach Ahrensfelde, dann siehst du die Realität. In Moabit siehst du die Realität. Sie begegnet dir auch am Leopoldplatz im Wedding, am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Hier sind die Menschen morgens schon müde, selbst nach 8 Stunden Schlaf, wenn sie die kriegen, dann stehen sie dir in der Tram wie erschlagen; sie atmen sich ihr Essen in die hohle Hand, schieben Bilder über Smartphones: blau-weißes Licht strahlt sie von unten an; es macht sie hohlwangig, wie tot. Wir leben in Neustadt-Städten, haben, wovor sich Fr. Linkerhand damals so gefürchtet hat: Anonymisierte Wohnbauten, wo keiner den andren — –

Paul: Du übertreibst.

Er reibt sich den Bauch und schüttelt den Kopf. Ich entdecke eine kleine Narbe auf der Höhe seiner Schlüsselbeine, ein einzelnes Haar auf seinem linken Rippenbogen, es sieht aus, als hätte es sich völlig verirrt.

Ich: Ja, vielleicht.

Was aber interessiert denn nun den Wessi an dieser Tristesse; kommt er doch aus dem Süden, dem schön-gepflegten, antiseptischen, ein Süden wie aus dem Bilderbuch: hier kennt der Metzger noch die eignen Schweine und die Schweine ihren Metzger, wie idyllisch!

aus dem Nordkurier ArchivBrigitte Reimann kennt man da nicht. Die ist hopps gegangen in den 70ern – Krebs, übrigens und falls es interessiert – und jetzt: Asche. Die wurde mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet (zu Lebzeiten), das ist renommiert, wie’s so schön heißt, damals noch ein DDR-Preis, heute: rehabilitiert und doppelt-eingedeutscht, das weiß keiner aus der Generation 1985+/West, oder doch?, oder bin’s nur ich? Schau dir mal ihren Wikipedia-Artikel an, da kann einem nur das Herz brechen – ein paar Zeilen wie Messerstiche: Geburt, Arbeit, Tod. Keine Leidenschaften, kein Leben. Nur Eckdaten in einem eckigen Leben, eingezwängt zwischen Hoyerswerda – Plattenbausiedlung – und Brustkrebs: eine Kette aus Unglück, Verlust und Liebesdurst; nie gestillt.

Wie diese Frau vor ihrer Schreibmaschine gesessen sein muss, viele Jahre lang für dieses faustdicke Buch, für diesen Rundumschlag, den sie, die Staatsdiener, damals sehr wohl, sehr gründlich durchseziert haben: Scheibchen für Scheibchen von Zuvielgesagtem und Nichtgenügendem, das schreit nach Zensur! Wie soll mich das nicht fesseln? Dieser Drahtseilakt zwischen Tod und Lebenshunger, ewiger Jagd und Resignation,…?

Das sollten mehr lesen. Jeder sollte sich heranwagen an diese Brigitte Reimann, die schrieb wie besessen und um Schreibblockaden herum; diese Linkerhand, die sollten mehr kennenlernen – oder: wiederentdecken.

Paul: Aber es ist doch nur ein Fragment.

Er rollt die Augen dabei und sucht seine Unterhose mit ausgestreckten Fingern.

Ich: Eben nicht! Statt als Fragment muss man dieses Buch als einen vollständigen Lebensabschnitt verstehen, ein Wurzelloses im Entwurzelten. Natürlich hätte es beendet werden können, hätte anders sein müssen, vollständig. So bleiben die Wörter jetzt im Raum, sie schweben und vibrieren, sie überlagern einander, wie es nur die Worte von Sterbenden können, von Getriebenen; das macht es komplett. Du kannst die Gedanken nicht zurücknehmen, kannst Gesagtes nicht ungesagt machen. Franziska Linkerhand darf nicht aus der gesamtdeutschen Wahrnehmung verschwinden, diesem trüben Brennglas, das selten merkt, was an seinen Rändern geschieht. Dabei passiert das alles genau in der Mitte. Schon jetzt ist es halb zur Seite gelegt, in den Staub der Jahre gehüllt. Fast-vergessen.

Ich nehme das Buch wieder vom Boden und blättere von Knick zu Knick, von Erinnerung zu Erinnerung, und bin mir sicher: Ich musste das lesen. Paul hingegen steht auf, zieht sich hüpfend die Boxershorts an, sagt: Meinetwegen, und ich weiß: Der kommt mir nicht mehr in mein Bett.

*Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann

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7 Gedanken zu “Paul

  1. Gestern auch komplett überfordert, heute nochmal gelesen. Wieder erst paulanschmachtend, Ihrer innigen Beschreibung sei Dank, dann sortierend zwischen dem Gedachten und dem Gesagten. Zwischendrin immer wieder dieses Gedankengekoller „Reimann, Reimann, da war doch was…“, Linkverfolgung und ein lichtaufgehendes Aha: Das Grüne Licht der Steppen. Lange Zeit her und tatsächlich vergessen. „Franziska Linkerhand“ kommt jetzt auf meine Habenwillliste. Und Ihnen einen Dank für eine zwar fordernde, aber unglaublich eindringliche Rezension. Chapeau! Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

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    • Liebe Frau Knobloch,
      entschuldigen Sie die Überforderung, in der Regel fordere ich immer zu viel; ich habe gelesen, das deute auf ein „impulsive-compulsive“ Verhalten hin. Im Vergleich aber zum echten Dialog-Monolog konnten Sie sich bei „Paul“ hoffentlich mehr Zeit lassen. (Paul anzuschmachten ist übrigens bewiesenermaßen ein Fehler, ein grundsätzlicher sogar).

      Ich freu mich jedenfalls sehr darüber, dass der Reimannkoller überstanden ist und Sie sich erinnern. Auf Meinungen bin ich auch im Nachhinein sehr gespannt und freu mich auf Austausch. Möge die Reimann wieder vermehrt in den Buchläden dieses Landes zu finden sein.

      Merci,
      Ihr Herr Winter

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      • Lieber Herr Winter, die Paulanschmachterey zerplatzte wie eine schillerndschöne Seifenblase durch die Lautäußerungen des benannten. Der käme mir auch nicht mehr ins Bett, lauernder Schlüsselbeinnarbentattookörper (Hach!) hinoderher.
        Und bitte bleiben Sie fordernd, unterfordert wird man allzu oft. Ich freue mich auf weitere Dialog-Monologe, egal, ob im Bett oder sonstwo.
        Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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  2. Erst wollte ich mich hinsetzen und meine Empörung über so einen Schnösel loswerden. Meine Sicht der Dinge lang und breit erklären. Ausholen bis zu meinen Eltern und Großeltern, ihren Erfahrungen am Anfang, der Mittel, dem Ende und dem Danach der DDR. Brauche ich nicht, wurde schon sehr schön gesammelt und gesagt: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014-09/ostdeutsche-manifest-mauerfall

    Diese Wende ist 25 Jahre her, Merkel erzählt Schwachsinn wenn sie sagt, man merke keinen Unterschied mehr zwischen Ost und West. Und dieser Schnösel hat Unrecht, wenn er sagt, das sei doch alles längst überholt, dieses Philosophieren über ein verlorenes, Land, das doch nicht verschwunden ist.
    Das ist nicht überholt, das ist immer noch und gesamtdeutsch präsent. Mit Vorurteilen, mit Übervorteilung, mit Nachteilen, mit Relevanz bis in die Gegenwart und Zukunft. Und kein noch so unbekanntes und zensiertes Stück Lebensausschnitt aus dieser Zeit hat vom einem 34jährigen Buben, einem echten Berliner, so lapidar abgetan zu werden, so herunter geredet. Auch nicht das Interesse, das „Nachlesen“ und literarisch und mental Nachholen und Aufarbeiten von einem Menschen aus einer anderen Generation und Region. Als zehnjähriger kriegt man viel mit, alles aus dieser Zeit prägt einen – zehn Jahre DDR erfahren kann und werde ich nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Aber wer ist dieser Kerl, diesen Wissendurst anderer blöd von der Seite anzumachen?

    Und das sage ich als Ossi, als Spätgeborene und Wendekind im Westen.

    „Das ist doch alles längst überholt“? Diese Überheblichkeit, diese Arroganz, diese Unreflektiertheit… Ich bin froh, dass der dir nicht mehr ins Bett kommt.

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    • Ja, leider hat sich Paul keine Freunde damit gemacht. Bei niemandem.

      Ich danke allerdings sehr für den Kommentar, und im Besonderen für den Zeitartikel! Ich habe den ersten Beitrag bereits gelesen und werde mich heute im Laufe des Tages auch durch die anderen wühlen. Zu erklären ist es nicht für mich, aber ich bin weiterhin der Meinung, dass der Austausch zwischen Ost-West noch lange nicht zu Ende ist. Ganz im Gegenteil. Wir stehen damit erst ganz am Anfang.

      Ich jedenfalls nehme gerne Empfehlung auf die Liste, ob Literatur, Kunst oder Film, ob Querverweis oder Insider-Gag. Ich will mehr darüber wissen, wie meine Generation (und die davor!) im Osten aufgewachsen ist, wie die Gesellschaft sie durchdrungen hat. Meine Kindheit kenn ich ja, mein imperalistisches Verständnis, meine Sitcoms und Animes – auch ich musste erst Pittiplatsch „erlernen“, aber es zu kennen, das hat die Mauer im Mund zum ersten Mal zerbrochen. Das ist wichtig.

      Alles in allem gebe ich dir daher entschieden recht, und ich werde schauen, dass ich mehr „vergessene Bücher“ wieder hervorholen kann aus der Dunkelkammer der Bestsellerlisten. „In bed with…“ hat jedenfalls erst begonnen. Stay tuned. 🙂

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