In bed with...

Laurent

by Alexander WinterLaurent hat braune, warme Augen und dieses breite, zahnlückige Grinsen, das wirklich ziemlich sexy ist. Diese kleine Lücke genau in der Zahnreihenmitte ist auch der Grund, weshalb ich jetzt in seinem Bett liege. Und weil er gut küssen kann. Was mich hingegen drin bleiben lässt, ist Speedboat von Renata Adler.

Zuerst seh ich die Tapeten, die sich von den Wänden pellen; die sehen so aus, als wären sie mit hunderten Prilblumen beklebt, aber das ist tatsächlich das Muster. Typischer 70er-Jahre-Schick einer unsanierten Altbauwohnung – Hinterhaus, dritter Stock: Friedrichshain eben. Da sind Regale voller Vinylplatten zu allen Seiten, geht das in die Tausende? Der Blick schwimmt vor lauter engstehender farbiger Buchstaben. Titel lassen sich da keine entziffern. Na egal.

Im Hintergrund spielt jedenfalls Nina Simone, das hör ich beim Umdrehen ganz genau. Da schieben wir unsere Rücken dicht aneinander und enthaken unsere Hände, setzen uns auf. Für einen Moment ist es ganz still, außer eben Nina, die singt: Listen to me, why is everything so hazy?, und ich werde jetzt erst so richtig wach, sehe Laurents braun-blonde Haare, die so wirr sind wie meine, seine Augen ganz dunkel. Dann entdecke ich das Buch neben ihm. Weder Titel noch Autorin kommen mir bekannt vor.

Liest du das grade?

Ja, sagt er. Ich glaube zum 16. Mal.

Ich greife über ihn und seinen Brustkorb hinweg und unsere Haut elektrisiert für den Moment, und weil er denkt, dass ich ihn küssen will, hält er mich fest in der Bewegung, zieht mich an sich; ich schmecke den Cranberry-Saft. Den Vodka schmeck ich nicht.

Hey, hey, wart mal, sag ich und mache mich los, rolle zum Buch und runter von ihm. Laurent grinst.

Na das war ja jetzt ’n Riesenkompliment, sagt er.

Ich blättere. An die dreißig Seiten sind geknickt, ich lese unterstrichene Sätze, Seite 35:

There they sit, though, the people who are so free and easy with their disapproval, at their table in the restaurant, crunching the little bones.*

Seite 73:

“To the contrary“ is what the head of the mine workers’ union said when he was asked whether he had ordered the murder of a rival and his family. It is hard to know what to the contrary of ordering a murder might, exactly, mean. Jim thinks ordering a birth, perhaps, or else a resurrection. The man was convicted anyway.*

Ich lache, blättere wieder zurück, Seite 64:
There are some days when everyone I see is lunatic.

Das ist super, sag ich. Um was geht’s?

Laurent steigt über mich hinweg, sein Körper: glatt und warm, fällt über das Bett hinauf zur Tür; er sagt: Oh, da muss ich aber ganz schön ausholen. Ohne Kaffee geht das nicht. Auch einen? Nicken, Grinsen, dann ein Gurgeln von Wasser und das Klappern von Metall. Ich bleib wohl noch etwas länger.


Später sitzen wir im Bett, die Sonne schmiert sich durch trübe Fenster aufs Parkett; es riecht nach Sex und Kaffee. Im Schneidersitz erzählt mir Laurent von der Protagonistin der Geschichte; sie heißt Jen Fain, und ist Journalistin – und gleichzeitig der Zeitgeist einer Generation:

Wir schreiben ein ungerades Jahr, irgendwann in den 70ern. Alles ist schneller jetzt, lauter. Die ganze Welt tanzt unter Discokugeln. Das sind die Fakten: 1973 ist Öl ein Grund zur Krise. Richard Nixon fliegt 1974 aufgrund der Watergate-Affäre aus dem Weißen Haus – und Willy Brandt aus dem Bundeskanzleramt, weil einer seiner engsten Mitarbeiter, Günter Guillaume, fleißig Informationen sammelt. Für die DDR.

1975 endet der Vietnamkrieg – immerhin. In Deutschland beginnt zwei Jahre später allerdings der sogenannte Deutsche Herbst; es wird demonstriert, scharf geschossen, überwacht. Die meisten sympathisieren, nur keiner weiß weswegen. Der Eiserne Vorhang hängt schwer in Europa. Dahinter lauert auf beiden Seiten ein Krieg, der nicht ausbrechen, der aber den Verlauf aller Staaten auf Jahrzehnte hin bestimmen wird.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Menschen werfen alte Konventionen über Bord, man bewegt sich – für Frieden und gegen Atomkraft. Da sind Hippies und Normalos auf den Straßen, man engagiert sich wieder. Für die Umwelt. Und Frauen… ? Oh ja, die haben tatsächlich was zu sagen.

Jen Fain gehört zu diesen Frauen, sie ist schlagfertig, talentiert, mondän. Sie rauscht in sieben Kapiteln durch die ganze Welt, reist von New York durch halb Europa und wieder zurück. Jen steht nicht, sie rennt. Sie wartet nicht, sie erlebt; immer in Bewegung. Und der Leser? Ist direkt in ihrem Kopf – einem Rennboot. Hier fliegen ganze Weltmodelle durcheinander: Jen begegnet nämlich nicht nur Politikern, die – Augenzwinker, Augenzwinker -, Frauen ganz erstaunlich finden, die nicht nur hübsch sind, sondern auch was zu sagen haben. Da sind Starlets und Professoren und Gewerkschaftsvorsitzende, und manche von ihnen sitzen vor der 30-Jährigen wie vor einem dressierten Äffchen, das plötzlich sprechen kann – erschüttert. Darf eine Frau denn so was?

Ja, bitte. Allerdings nur zu einem gewissen Preis.

Jen muss sich behaupten, muss zynisch sein, treffsicher. Sie ist ein Projektil: Sie schießt durch Erinnerungen wie durch Glas und hinterlässt überall Splitter. Mal blickt sie zurück auf ihre Schulzeit, dann wieder analysiert sie ihre neurotischen Freunde, gängelt plötzlich auf Parties zwischen Intellektuellen, die keine Zeit mehr finden fürs eigentliche Leben, reflektiert schließlich über ihren Beruf und New York, und wirbelt dabei scharfsinnige Anekdoten ebenso durcheinander wie Fragmente von Begegnungen.

Adler hat dabei eine Komposition geschaffen, sagt Laurent und wechselt die Schallplatte. Es ist wie ein Mischpult, das sie da bedient. Man liest quasi ein Mixtape der 70er Jahre: Hier die Ironie, dort die Beliebigkeit, dazwischen der Vibe der Großstädte, das Jetset-Leben, die Geschwindigkeit und Zufälligkeit von Gesprächen, Gefühlen, Bildern und Momenten, die immer auch Leben bedeuten. Vor allem: ein erinnertes Leben.

Ok, sag ich und rolle mich wieder zusammen, das Kissen schief im Nacken, die Hände angewinkelt und kribbelnd. Aber das heißt, es gibt keinen Plot?

Na eben doch, sag mal… hörst du nicht zu?

Renata Adler schneidet mit ihrer Prosa die Realität in viele kleine Scheibchen, sie trennt ihre eigene Zeit auf und verfüttert sie uns heute als servierfertige Häppchen. Blöd nur, dass einem die Hälfte davon quer im Hals stecken bleiben will. Vieles, was Jen Fain nämlich erlebt, könnte auch heute passieren. Frauen müssen sich noch immer behaupten, sie müssen treffsicher sein, ironisch und gewitzt. Von der Notwendigkeit des guten Aussehens ganz zu schweigen. Das hat sich nicht geändert. Im Speedboat liest es sich nur viel subtiler, viel gehässiger, als es in der Realität wahrgenommen werden will. Abgesehen davon ist Speedboat kein feministischer Roman. Er ist nur von einer Feministin geschrieben.

Adler verbindet hierbei weniger die einzelnen Szenen – es gibt im eigentlichen Sinne auch keine Entwicklung, ein Anfang oder ein Ende -, sondern sie vernäht einfach nur die Flicken, die sie selbst schafft zu einem großen bunten Teppich. Würde man das verfilmen, dann sähe das aus wie ein Musikvideo.

Der Leser wird von einem Augenblick zum nächsten gestoßen, von einem Ausschnitt hinein in den Gedankenstrom, der immer auch ein Malstrom ist, und am Ende wieder zurück in eine Affäre zwischen zwei Menschen, die sich berührungslos trennen. In Speedboat ist das Leben eine Transitstation, eine Flughafenhalle, eine Cocktailparty. Man ist nirgends verortet, man ist nirgends zu Hause. Nur bewegen muss man sich.

Renata_Adler_by_Sarah_WilmerUnd was ist mit Renata Adler selbst? Auch sie hat einen von diesen Wikipedia-Einträgen, die einem nichts geben, außer grobe, lieblose Details: Eine Flüchtlingstochter, eine, die in Harvard und an der Sorbonne studiert, die Ehrentitel gesammelt, die für die New York Times 40 Jahre lang geschrieben hat, eine Film- und Systemkritikerin, deren Essays messerscharf sind, treffsicher und immer auch ein wenig ironisch. Ausgezeichnet mit Preisen, war sie die Dritte im Dreiergestirn der intellektuellen Frauen: Sontag, Didion, Adler. Man hat sie gelesen und verstanden und ihre Stimme ging in den Strom all derer ein, die später überall Mauern einreißen sollten. Emanzipiert, aufgeklärt, eloquent – ganz die Mutter einer Jen Fain eben.

Und heute? Renata Adler ist heute nur noch eine Fußnote, eine sehr lebendige zwar, aber dennoch eine Fußnote. Hat man sie vergessen, und zwar ganz unweigerlich, als logische Begleiterscheinung der Ereignisse, weil ihre Meinung nicht mehr zeitgenössisch ist, überholt? Ist sie etwa ein Fossil, das hinter Vitrinenglas gehört, eingerahmt neben der Suffragettenbewegung, den Rassenunruhen, den Anti-Atomkraft-Protesten? Oder ist das Vergessen, das über sie kam, vielleicht Teil einer Generalamnestie, einer gesellschaftlich beglaubigten Annahme, dass die Emanzipation bereits ein Grundzustand ist und der Feminismus längst verwirklicht?

Adler, sagt Laurent, wird grade wiederentdeckt. Speedboat und Pitch Dark sind neuaufgelegt, sie wurde letztens sogar im Spiegel besprochen und in Amerika wird sie wieder zum Thema.

Immerhin, denk ich. Das Vergessen, das in den letzten 20 Jahren über Renata Adler gekommen ist, wäre dauerhaft auch wirklich unverhältnismäßig und unverdient gewesen. Vor allem, weil sie heute aktueller ist denn je. Ich strecke mich unter der Decke aus, streife Haut, Haare, grinse, weil ich irgendwie zufrieden bin mit diesem Morgen, der längst ein Mittag ist, und Laurent, der aufsteht, um das Buch zur Seite zu legen, sagt: Ich will dich nicht rausschmeißen, aber ich sollte heute wirklich noch was tun. Na gut. Transitleben also.

*Speedboat von Renata Adler

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6 Gedanken zu “Laurent

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