Interviews

Man sollte sich nicht verrückt machen

by_Matthias_Panitz_2Mit Haaren so schillernd wie Kupfer und Augen, die stets leuchten, kann man Matthias Panitz einfach nicht übersehen. Nirgends. In seiner Wohnung im Prenzlauer Berg erzählt er vom Verkauf von Sexspielzeugen, der Wechselwirkung der Pornografie und ansteckenden Krankheiten.

Auf dem hölzernen Rundtisch vor der Couch mit Schottenmuster steht eine Dose Redbull, daneben: ein Aschenbecher. Da sind Magazine und Fotobildbände, ein Buch über Zimmerpflanzen. Eine Schachtel mit Kopfschmerztabletten liegt mitten drin. Matthias Panitz sitzt in der Ecke der Couch und raucht. Er sieht konzentriert aus, beinahe ernst, wie er die Kippe am Mund ansetzt, Rauch atmet, die Gedanken sammelt. Auf seinem Schoß liegt ein Stapel Papier. Er hat sich vorbereitet.

* * *

Matthias_Panitz_by_Chris_Phillips_2Matthias, wer bist du und was machst du?

In erster Linie bin ich Student für Kommunikationsdesign und bin momentan als Praktikant in der Visuellen Kommunikation in einem Berliner Verlag tätig. Nebenbei arbeite ich auch als Model.

Vor deiner Tätigkeit im Verlag hast du in einem Sexshop gearbeitet – wie war das so?

Das war wundervoll! Ich muss allerdings dazu sagen, dass es kein reiner Sexshop ist. Man würde es eher als Gay Lifestyle Store bezeichnen, weil im Prinzip nur die Hälfte des Ladens wirklich Waren beinhaltet, die man in einem Sex-Shop erwarten würde.

Das heißt, Dildos und Pornos und Bildbände mit sexuellen Inhalten und so weiter auf der einen Seite und auf der anderen Seite…?

Ganz normale Klamotten, also: keine Fetisch-Sachen. Die aber natürlich auch. Jocks sind ja beispielsweise auch irgendwie ein Fetisch. Und ansonsten eben Belletristik, Fotobücher, Spielfilme und Ratgeber.

Und wie war das da zu arbeiten?

Super, wie gesagt. Es war einer der besten Nebenjobs, die ich jemals hatte. Was mir allerdings immer wieder aufgefallen ist, wenn ich Leuten davon erzählt habe, dass ich in einem – in Anführungsstrichen – Sexshop arbeite, war, dass bei den meisten oft direkt die Vorstellung mitkam, dass ich sämtliche Gerätschaften schon ausprobiert habe und generell ein triebgesteuerter Sexguru bin. Was dem jetzt nicht so ist. Es gab oft genug Momente, als neue Toys zum Verkauf geliefert wurden, von denen ich mir erst mal die Bedienungsanleitung durchlesen musste. Ganz nach dem Motto: Wenn ich nicht weiß, was man damit macht, woher soll der Kunde es wissen?

Dass manche Menschen denken, man müsse völlig durch-sexualisiert sein, um in einem solchen Laden zu arbeiten, ist die eine Sache. Ist die Gefahr, durch die Allgegenwart von Sex auf Dauer komplett abzustumpfen, die andere?

by_Matthias_Panitz_1Ich würde es nicht abstumpfen nennen. Nur weil man sich bestimmten sexuellen Reizen aussetzt, heißt das noch lange nicht, dass es die eigenen Vorlieben bedient. Ich kann da ja nur von mir selbst sprechen – auch wenn ich zugeben muss, dass die Reizwirkung mit der Zeit durchaus abgenommen hat. Irgendwann hab ich die Sachen tatsächlich nur noch als Waren wahrgenommen und ich hab aufgehört, auf jeden geilen Typen oder Schwanz zu starren. Es wurde eben zur Normalität.

Gab es absurde oder schöne Momente, die einen zum Lächeln brachten oder ganz furchtbare Nachfragen?

Ich kann natürlich nicht aus dem Nähkästchen plaudern, weil man meiner Meinung nach als Verkäufer in so einem Laden immer so eine gewisse Art von Schweigepflicht hat. Die Kunden, die kommen ja zu dir, um Dinge zu kaufen, die unter anderem für ihr Sexleben bestimmt sind und das geht ganz stark mit der Privatsphäre einher. Und das wiederum hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Ich würde auch nie meinen engsten Freunden erzählen, was ein anderer Freund oder Bekannter je bei mir gekauft hat.

Aber… ?

by_Matthias_Panitz_6Es gab trotzdem Augenblicke, die man im Gedächtnis behält. Einmal musste ich einen sehr jungen Stricher herauswerfen, der nach Kundschaft gesucht hat. Das darf er gerne außerhalb der Verkaufsräume machen, aber nicht bei mir. Es gab auch interessante Momente, wo ältere Stammkunden über die Zeit nach dem Krieg erzählten und wie die Schwulenbewegung in den 70ern begann. In den Laden kamen so unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Persönlichkeiten. Da gab es den Verschlossenen, der am liebsten gar nichts gesagt hätte und der schnell seinen Butt-Plug nahm und mit gesenktem Haupt rausrannte. Oder einen anderen, der lautstark verkünden musste, dass der Cockring zu klein für seinen enorm großen Schwanz war. Die Damen von der Bülowstraße, die ihre Abendration Kondome gekauft haben. Die Mädels, die kichernd durch den Laden gingen, vor allem beim Anblick der Riesendildos. Es wurde nie langweilig, das ist klar.

Wie urteilt man dabei nicht über Menschen?

Schwierig. Klar hat man, das hat jeder Verkäufer im Dienstleistungssektor, ob du jetzt bei H&M arbeitest oder bei Kaiser’s an der Kasse oder eben in einem Sexshop, immer mit Menschen zu tun. Und klar machst du dir dann auch so deine eigenen Gedanken bei manchen Leuten, aber —

Wobei es dann doch ein Unterschied ist, ob einer bei Rewe jeden Tag seine Pizza und sein Sixer Bier kauft oder ob sich einer in einem Sexshop den Riesen-XXL-Dildo mit Spritzfunktion besorgt, oder nicht?

Ja. Nur mit der Zeit denkst du eben wie gesagt nicht mehr über obskure Vorlieben und Fragen von Kunden nach, da jeder Mensch ein anderes Verlangen hat. Und solange das nicht strafrechtliche Grenzen überschreitet, würde ich darüber nicht urteilen.

Eine komplette dienstleistungsorientierte Rationalisierung also?

Genau. Das erwartet der Kunde ja auch. Das ist eine Frage der Professionalität.

Glaubst du, dass die Allgegenwart von Sex und Allerreichbarkeit von Pornografie unser persönliches Verständnis von Sexualität, Begehren und Liebe verändert?

Naja, Pornografie ist so alt wie die Menschheit selbst. Es gab immer pornografisches Material und das wird es in Zukunft noch geben. Pornografie wandelt sich mit den Jahrzehnten, sowie sich auch Schönheitsideale gewandelt haben. Im Barock haben sich beleibte Damen auf der Chaiselongue geräkelt, das war zu der Zeit einfach en vogue. Heutzutage sind es eben trainierte, definierte Körper – männlich wie weiblich – in einem perfekten Licht und mit perfektem Make-up.

Natürlich gibt es auch andere Bewegungen in der Pornografie, die sich abseits der stilisierten Perfektion bewegen. Die sind dann eher homevideoartig oder amateurhaft oder künstlerisch angehaucht. Die Sprache, die Pornos sprechen, formuliert dabei verschiedene ästhetische Ansätze. Manche sehen dabei gleich aus, wie aus der Retorte, perfekt geschminkt und so weiter. Andere hingegen nicht.

Und verändert das unsere Wahrnehmung?

by_Matthias_Panitz_3Sicher nicht in Sachen Romantik. Pornografie hat für mich persönlich nichts mit Liebe zu tun. Ich denke, man darf da nicht außer acht lassen, wofür das gemacht wurde: Es wurde gemacht, um das sexuelle Verlangen der Leute zu bedienen. Das sind keine Rosamunde-Pilcher-Filme. Was ich jedoch mitbekommen habe, ist, dass sich viele heterosexuelle Frauen mittlerweile Schwulenpornos ansehen, also die ästhetisch gemachten, weil dort Typen zu sehen sind, mit denen sie selbst gerne schlafen würden. Und warum sollten sie sich einen Heteroporno angucken. Da ist eine Frau dabei oder sogar ganz viele. Warum sollten die sich ’ne rasierte Muschi ansehen? Ich denke, dass das auch ein gewisses neues Frauenbild widerspiegelt. Vielleicht ist es sogar eine weitere Stufe in der Emanzipation.

Glaubst du, dass Pornos eine Auswirkung darauf haben, wie Leute ihr eigenes Begehren empfinden?

Wie meinst du das?

Nehmen wir den Durchschnittsteenager beispielsweise, der im Internet eine bestimmte Art von Pornografie entdeckt, egal welche, die er sich anschaut. Vielleicht sogar regelmäßig. Vielleicht, weil er auf dem Land lebt und über keine Möglichkeiten verfügt, sich auszuleben. Die Pornografie wird damit sein Ventil. Bleibt das ohne Konsequenz deiner Meinung nach?

Nein. Natürlich hat das eine Konsequenz. Es sind Einzelfälle und man darf es nicht verallgemeinern. Dennoch kann Pornografie definitiv das eigene Verständnis von Sex ändern, auch nachhaltig. Vor allem bei übermäßigem Konsum, sag ich mal, gerade bei unter 20-Jährigen. Das kann schon einschlagen. Die denken dann, dass Sex immer so ablaufen muss wie im Porno. Dass man der anderen Person immer ins Gesicht spritzen muss. Dass es ohne Kondom gehen muss. Oder dass Sex eben immer knallhart ist.

Wie also klärt man richtig auf und wer ist dafür eigentlich zuständig?

Es ist die Aufgabe der Eltern, ihren Kindern mit aussagekräftigem Rat zur Seite zu stehen. Wie das im einzelnen Fall aussieht und auf welche Art und Weise es geschieht, ist dann deren Sache. Ich finde es schwierig, eine allgemeine Aussage darüber zu treffen, weil das auch für die Eltern eine komplizierte Angelegenheit ist. Zumindest oft. Gerade wenn die Kinder vielleicht nicht heterosexuell, sondern vielleicht transsexuell sind, dann ist das für Eltern nach wie vor Neuland. Auch heutzutage.

Ist es aber nicht gefährlich, den Eltern die komplette Verantwortung dafür zu überlassen?

Matthias_Panitz_by_Chris_PhillipsJa, durchaus, aber wer trägt sonst die Verantwortung? Ich kann nur von mir sprechen: Ich wurde nie direkt von meinen Eltern aufgeklärt. Die haben sich nicht eines Tages mit mir hingesetzt und haben gesagt: Guck mal, so schaut’s aus. Klar gab’s Sexualkunde-Unterricht, der natürlich furchtbar war. Da ging’s nur um das rein Mechanische, das Zeugen von Kindern. Da wurde Heterosexualität, Homosexualität, Transsexualität, Intersexualität und so weiter überhaupt gar nicht thematisiert. Das war einfach nicht im Lehrplan vorgesehen.

Soweit ich mich erinnern kann, wurde auch nie über Geschlechtskrankheiten geredet. Da sollte man sich schon überlegen: Wie weit geht die Schule da mit? Und wie bringt der Lehrer das rüber? So nach dem Motto: Hey Leute, es gibt da draußen diese Krankheiten. Wenn ihr Kondome benutzt, wenn ihr euch schützt, dann könnt ihr das vermeiden? Sexualität ist so vielschichtig und es gibt so viele verschiedene Bedürfnisse des Einzelnen, die können en Detail niemals in der Schule ausdiskutiert werden, das ist klar.

Zitat Carolin Emke aus Wie wir begehren: Niemand sprach über Onanie und Masturbation, niemand über Arten und Formen, sich selbst und die eigenen Wünsche zu entdecken, niemand über sexuelle Praktiken, die das telos (griech. Ziel) der Lust und nicht der Empfängnis haben könnten. (Seite 41).

Du hast gerade gesagt, in deiner Schule wurde nicht über Geschlechtskrankheiten oder von durch Sex übertragbare Krankheiten gesprochen. Auch nicht über HIV?

Soweit ich mich erinnern kann, nein. Es gab die Antibabypille und Kondome, und dabei ging’s ganz klar um die Vermeidung von Kindern. Es ging immer ums Spermium und die Eizelle.

Und was sagst du heute zum Stichwort HIV?

HIV ist mittlerweile – Gott sei Dank…, nein: Dank des medizinischen Fortschritts – eine chronische Krankheit, mit der es sich gut leben lässt. Das wissen in der Regel oft leider nur die Betroffenen selbst. Und das, weil die Aufklärung in der Gesellschaft über das Thema einfach nicht stattfindet.

Warum ist das so?

Es ist für die Gesellschaft dahingehend kein relevantes Thema. In der Schwulenszene ist es präsenter aufgrund der auftretenden Häufigkeit, es passiert halt statistisch häufiger. Für Heterosexuelle hingegen… na, wenn die HIV haben, ist das sofort auf einer Ebene mit Aids, und die denken dann an Freddy Mercury, der innerhalb von fünf Jahren an Aids gestorben ist. Die Schreckensbilder sind noch immer größer als die faktische Aufklärung.

Die Menschen sehen dabei eben nur auf sich selbst: Solange es dich nicht direkt betrifft – und natürlich betreffen Geschlechtskrankheiten jeden, der sexuell aktiv ist – hast du keinen Grund, dich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Daher besorgst du dir auch nicht selbstständig die notwendigen Informationen. Wer beispielsweise nicht selbst an Krebs erkrankt oder jemanden im Umfeld hat, der an Krebs erkrankt, weiß über die aktuelle Krebsforschung eben auch nicht Bescheid.

HIV bleibt ein Virus, der sich ausbreitet; die Zahlen gehen nicht zurück. Woran liegt das?

So wie sich alle Geschlechtskrankheiten ausbreiten. Hauptsächlich durch ungeschützten Sex. Bei HIV gibt es natürlich auch noch andere Wege. Was ich allerdings in der Community bemerke, ist, dass der Respekt vor der Krankheit langsam verloren geht. Der Wissenstand ist in der Szene so weit, dass man weiß, man kann HIV-Medikamente nehmen und ist damit auf der sicheren Seite. Damit kann man weiter ein normales Leben führen. Nur einmal am Tag Tabletten nehmen, fertig.

Das ist ein Problem der westlichen Welt, also vor allem in Europa und in den USA. Da herrscht diese Einstellung: Ich schmeiß ’ne Tablette ein und dann ist wieder gut. Und das geschieht nicht nur bei HIV. Das gibt’s auch bei anderen Krankheiten. Diese Scheißegal-Haltung wird salonfähig, was ich furchtbar finde. Vor allen Dingen, weil dabei auch langsam das Thema Präventionsmaßnahmen aufkommt: PrEP, die Präexpositionsprophylaxe.

Was heißt das ganz genau?

Angeblich kann man jetzt eine Tablette pro Tag einnehmen, ähnlich zur HIV-Therapie, und damit ungestört ohne Kondom vögeln, weil man dank der Pille zu 99% vor HIV geschützt ist. PrEP kann dabei eine riesige Chance sein. Vielleicht die Revolution in der Prävention. Fakt ist allerdings, dass die Medizin noch gar nicht so weit ist, dass man sich wirklich darauf verlassen kann. PrEP hat nämlich einen weiteren Haken: Über die Langzeitwirkung dieser Medikamente ist noch nicht so viel bekannt.

Und die Tabletten haben ja sicher auch Nebenwirkungen. Jeder Mensch reagiert bereits individuell auf die Therapie – und auch das wird nicht kommuniziert, oder?

Nein. Gerade bei den HIV-Medikamenten, die den Virus dabei hindern sollen, sich auszubreiten – da handelt es sich um ganz starke Medikamente. Das sind keine Ibuprofen, die du mal eben einschmeißt. Die Idee hinter der Denkweise Die Pille wird’s schon richten ist aber typisch.

Deine Prognose?

Dank jahrelanger Lehrmethoden und einprägender Werbemaßnahmen ist es der westlichen Welt beinahe gelungen, HIV so weit wie möglich unter Kontrolle bringen. Nicht nur in der schwulen Community ist der Griff zum Kondom selbstverständlich geworden. Diesen Erfolg oder sagen wir: diesen Stand der Dinge darf man nicht gefährden.

Seitens der Politik gibt es allerdings keine Erinnerungen mehr. Aids bzw. HIV ist kein gesellschaftliches Thema. Es gibt bezahlte Werbetafeln, die zum Schutz aufrufen, die siehst du in der U-Bahn. Aber das findet nicht in den Nachrichten statt – abgesehen vielleicht von der Meldung, dass irgendwo auf der Welt Wissenschaftler darüber konferieren. Die Ergebnisse dieser Konferenzen findest du jedoch nicht auf der Titelseite als Schlagzeile des Tages, sondern als Kommentar ganz zuletzt oder am Rand neben dem Wetter.

Gleichzeitig hält sich ein Großteil der schwulen Community weiterhin tapfer an Kondomen fest und ungeschützter Sex kommt angeblich für niemanden mehr in Frage. Trotzdem gibt es einen Trend, der überhaupt nicht neu ist, sondern der sich nur weiter ausbreitet: Barebacking – Sex ohne Gummi. In der Regel vorher abgesprochen, wird da manchmal auch sicherheitshalber der neueste Test zurate gezogen. Der ist allerdings flexibel auszulegen, denn was vor 3 Tagen vielleicht noch in Ordnung war, kann an Tag 4 bereits eine Ansteckung bedeuten. Motto ist: Was soll’s.

Der Subtext ist stets der gleiche: Das Risiko einer Ansteckung bedeutet nichts anderes mehr als die Gefahr in Kauf zunehmen, an einer chronischen Krankheiten wie Diabetes zu erkranken. Das ist nicht mehr todbringend. Du musst nicht mehr elendig dran verrecken wie die Menschen vor 20 Jahren. Du kannst ein super Leben führen wie jeder andere auch. Aber es ist da.

Was glaubst du, muss passieren, dass dieses Da-Sein von HIV nicht vergessen wird?

Die Aids-Konferenzen erreichen leider nicht den normalen Menschen, das stimmt. Es erreicht bloß die Menschen, die damit bereits zu tun haben oder die damit konfrontiert werden. Und das sind bereits die, die angesteckt sind, oder die sich in einer Risikogruppe bewegen. Aufklärungskampagnen und Leute denkt dran, da gibt es diese Krankheit sind gut, um es ins Gedächtnis zurückzurufen. Das hält meistens nur ein paar Sekunden, sobald man das Plakat an der S-Bahn-Haltestelle sieht und dann liest man sich das durch und denkt: Ah, ok, HIV, hab ja ich nichts mit zu tun, hatte ich noch nie, kenn auch niemanden, der HIV hat, deswegen: abgehakt .

Nur sobald einer mal aus dem Bekanntenkreis erkrankt und der, wie zu empfehlen ist, auch eine Therapie beginnt und die Erkrankung somit zur Normalität erklärt, bringt es die Leute dazu, über ihr Sexualverhalten nachzudenken. So sehen andere: Oh, der nimmt jetzt täglich eine oder maximal drei Tabletten am Tag und alles ist okay. Wie vielleicht die Mitbewohnerin, die täglich ihre Pille nimmt.

Siehst du darin eine Möglichkeit, die Angst vor HIV zu rationalisieren?

Ja und nein. Die Rationalisierung von Ängsten führt all zu oft eben zu genau der Scheißegal-Haltung, die ich vorhin meinte, die ein Großteil des Problems ist. Das darf eben nicht passieren. Es soll immer noch eine Prävention stattfinden. Der momentane Stand der Dinge ist einfach der, dass man sich nur mit Kondomen schützen kann. Oder dass man mit jemandem Sex hat, der unter der HIV-Nachweisgrenze ist, der sich in einer HIV-Therapie befindet. Das ist nämlich tatsächlich gleichwertig zu geschütztem Sex mit Kondom. Ich sehe eine Gefahr darin, diese Angst zu rationalisieren. Die Angst vor einer Krankheit, die, wenn du nichts dagegen machst, irgendwann zum Tod führen kann. Das kann ganz schnell zur Gleichgültigkeit führen.

Die Angst ist also bis zu einem Grad sinnvoll?

Nicht die Angst, nein. Der Respekt.

Es gibt Menschen, die aufgrund dieser Panik, der Angst, sich zu infizieren, gar keinen Sex mehr wollen.

by_Matthias_Panitz_7Ja. Ich hab irgendwann sogar mal Studien gelesen, die besagt haben, dass knapp über 50% aller Schwulen, die Sex haben, wenigstens einmal während dem Sex über HIV nachdenken. Und wenn nicht über HIV, dann eben über andere Geschlechtskrankheiten. Dass dieses Bewusstsein da ist, ist wichtig. Aber man sollte sich nicht verrückt machen.

Werden HIV-Infizierte noch immer stigmatisiert?

Auf jeden Fall. Die Aufklärung unserer Gesellschaft ist leider noch immer nicht so weit, wie sie sein könnte – Stigmatisierungen enden erst in einer aufgeklärten Gemeinschaft. Man muss wissen, dass ein positiver Mann eine glückliche Beziehung mit einem negativen Mann führen und dabei sogar ungeschützten Sex haben kann. Dass eine Frau, die positiv ist, ein negatives Kind zur Welt bringen kann. Das ist alles Fakt. Es ist nur nicht in den Köpfen der Menschen angekommen. Liebe funktioniert auch mit HIV. Ich befürchte allerdings, dass die Stigmatisierung nie aufhören wird, solange kein Heilmittel dafür gefunden ist.

Jeder kämpft für sich allein für sein Stückchen Aufklärung?

Der Kampf gegen Stigmata bedeutet, dass man den Leuten uneingeschränkt Informationen geben muss, uneingeschränkten Zugang zu Tests. Diskrimierung ist eines der größten Hindernisse bei der Bekämpfung von Stigmatisierung. Solange es noch immer Länder gibt, die Menschen mit HIV, also vor allem Homosexuelle, diskriminieren, werden die Infektionszahlen auch nicht weniger. Das wurde in Melbourne deutlich genug.

Wo siehst du unsere Gesellschaft in fünf Jahren?

by_Matthias_Panitz_4Wir werden bis dahin sicherlich noch mit den gleichen Problemen konfrontiert sein, die wir heute haben. HIV wird immer noch existieren, auch wenn es bis dahin bestimmt neue Therapiemöglichkeiten gibt. Es wird bequemer werden für die Leute, die positiv sind. Dass sie vielleicht nicht mehr täglich eine Tablette nehmen müssen, sondern vielleicht nur noch jede Woche oder alle drei Monate. Die Wissenschaft wird weiter voranschreiten. Im Allgemeinen hoffe ich, dass die AfD aufhört zu existieren, Putin Selbstmord begeht und Madonna noch nicht gestorben ist.

Ich drück die Daumen. Danke, Matthias.

* * *

Matthias Panitz kann man auf Instagram folgen.

Weitere Informationen zum Thema PrEP und HIV gibt es u.a. hier.

Des Weiteren findet sich auf YouTube eine interessante Präsentation von Dr. Gail Dines über die Wirksamkeit von Pornografie auf unsere Wahrnehmung – hier zu sehen.

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