In bed with...

Daniel

TotenbergDaniel steht lange neben mir am Pissoir und schielt und linst und wartet, bis ich mir die Hände wasche; er schaut mir auch dabei über die Schulter. Mit Totenberg von Thomas Hettche unter dem Arm dreh ich mich zum Gehen – und sehe in zwei große, blaue Augen.

Wo willste denn so schnell hin?

Seine Stimme ist matt und rauchig, hätte sie einen Geschmack, sie wäre herb und auch ein wenig süßlich, wie Zartbitterschokolade, und seine Lippen kräuseln sich leicht. Er wippt auf den Fersen nach hinten und steckt sich dabei beide Hände in die Hosentaschen, grinst. Sein Gesicht ist ganz glatt, wie ein straffgezogenes Leintuch, und ohne jeden Makel. Ein Schaufensterpuppengesicht: dichte, schwarze Wimpern, eine gerade Nase, strenge Augenbrauen, ein markantes Kinn. Das ist beinahe unheimlich.

Raus, sag ich und bin ganz verlegen. Das Neonröhrenlicht macht mich alt, ich spüre jede Falte.

Aber da sitzt du doch schon seit Stunden. Immer mit dem Buch da vor der Nase. Du hast mich nicht mal bemerkt, wa? Wenn er lächelt, lächelt sein ganzer Körper, jeder Muskel an ihm zieht sich nach oben, er wird größer, breiter, dabei ist er wesentlich kleiner als ich, schmaler. Ich nicke zuerst, schüttle dann aber doch den Kopf; ich könnte nicht mal den Platz zeigen, wo er bisher saß. Hab ich’s mir doch fast gedacht. Muss ’n gutes Buch sein, zeig mal.

Er nimmt mir das Leinenbuch aus der Hand, befühlt vorsichtig den Einband; seine Fingerspitzen streicheln zögerlich über die eingeprägten Buchstaben: TO TE NB ER G; er liest den Umschlagtext, der, wie ich mittlerweile weiß, völlig irreführend ist, und schlägt wahllos eine Seite auf. Liest: Das ist nun unsere Gegenwart, nicht nur hier, sondern überall. Nichts wird erinnert werden. (S. 182)* Seine großen, blauen Augen schauen mich schief von unten an. Wohl nix Heiteres, wa?

Totenberg von Hettche ist vor allem eine Zeitkapsel. Da spielt Heiterkeit im eigentlichen Sinn überhaupt gar keine Rolle. In 10 Texten spiegelt Hettche lieber Begegnungen – echte Begegnungen mit echten Menschen, die könnte man auch Zeitzeugen nennen, wenn es ihren Stimmen nicht diesen säbelrasselnden Klang verleihen würde, das Veteranengestöhn: Auch wir haben überlebt. Haben sie auch, zumindest manche von ihnen. Sie machen darum nur kein großes Gewese. Hans-Jürgen Syberberg beispielsweise, der Regisseur und Filmemacher, oder Angelika Platen, die Fotografin; sie alle werden von Hettche portraitiert. Kurz, prägnant und schmerzlich detailliert, niemals grausam. Nur wer sind eigentlich all diese Leute?

Hettche lässt dutzende Namen fallen. So, als müsse man sie kennen. Und wenn sie einem dann so um die Ohren knallen, denkt man, sie seien simple Platzpatronen, Füllsel, die gut klingen: Jean-Louis Barrault zum Beispiel, der lag mir quer im Mund – ich wusste nicht, ob ich den kauen oder ausspucken soll, aber die Platen benutzt Barrault ganz selbstverständlich, setzt ein Sie wissen schon nach, und nein, ich hab keine Ahnung, wer das ist. Da will Google bitte sofortige Ergebnisse liefern, weil’s der Querverweis nicht schafft. Weil er’s nicht will. Und auch nicht muss. So weckt Hettche stets das Bedürfnis, nachschauen zu müssen – obwohl es für das Portrait gar nicht weiter von Bedeutung ist.

Valeska_Gert_by_Mark_B._AnstendigLose miteinander verknüpfend schildert Hettche Menschen, die bereits gelebt haben wollen, strahlende Persönlichkeiten aus anderen Zeiten – die scheinen einem manchmal aus anderen Epochen, aus untergegangenen Königreichen. Dabei liegen zwischen uns und ihnen nur eine Handvoll Jahre. Valeska Gert beispielsweise. Die entzündet die Augen, sobald ihr Name fällt, die schüttelt ihren Körper, die spuckt und zuckt und rüttelt sich durch die Zeilen, die wird in den kurzen, aber treffenden Beschreibungen der Henriette Fischer – ihrerseits Buchhändlerin und ehemalige Verlagsvertreterin von Suhrkamp – lebendig. Mit der will man sich beschäftigen. Und zwar nicht nur auf ein paar Dutzend Seiten.


Hettche schafft es mit so etwas wie Feingefühl die Portraitierten aus ihrem Gewebe zu trennen, ihrem natürlichen Habitat, und in einen Moment zu setzen, der halb Jetztzeit ist und halb Erinnertes. Das liest sich frisch und unverbraucht – besonders wegen der perfekten Zeitungsartikellänge der jeweiligen Abschnitte – und am Ende, die Zeitkapsel offen und die innersten Wahrheiten verstreut, ist da Wehmut, dass es nicht noch mehr zu sagen gab. Von Ernst Jünger, dessen Stahlgewitter heute vermutlich wieder zeitgenössisch ist. Oder von Proust, über den sagt man ja in der Regel eh nur Einseitiges – aber auch da überrascht Hettche: Er vermeidet jedes Cliché und jede kitschige Peinlichkeit. Generell geht er jener abgegriffenen Ergriffenheit aus dem Weg, die einen erfassen kann, sobald man vom Verschwinden schreibt. Denn verschwinden, das weiß auch Hettche, wird alles irgendwann.

Daniel schaut mich an, reicht mir das Buch zurück.

Warum liest du so was?

Weil ich neugierig bin, sag ich und vielleicht ist das sogar Flirten, was ich hier mache. Kokettieren. Weil ich der Meinung bin, dass ich Bescheid wissen sollte von so Leuten wie Valeska Gert, oder Christa Bürger oder Syberberg; ich hab von denen nie ein Wort gehört oder gelesen. Vielleicht, weil ich immer abseits von allem gelebt habe, in einem Kokon quasi, und vielleicht ist es jetzt Zeit, da rauszukommen.

Daniel grinst.

Rauskommen? Willst du nicht lieber mit mir da reingehen? Er zeigt auf eine der Toilettenkabinen, greift sich so beiläufig wie möglich an den Schritt, grinst wieder. Nur damit du später auch was zum Erinnern hast.

Erinnern, denk ich, als ich diesen Jungen in die Kabine schiebe und die Tür verriegle. Erinnern. Darum geht es in Totenberg. Um die Zerbrechlichkeit der Erinnerungen, um die Unausweichlichkeit des Vergessenmüssens. Und um das schmerzliche Vermissen.

*Totenberg von Thomas Hettche

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8 Gedanken zu “Daniel

  1. Ihre Rezensionen sind wahre kleine Lesetrüffelchen. Man will Sofort! genau dieses Buch auch in den Händen halten. Und Ihre Personenbeschreibungen, hach, ich schrub es ja schon einmal~~~ hier möchte ich auch mit Daniel in der Kabine verschwinden. Oder mit Ihnen. Weil neonlichtverlegenfaltig. Das machen Sie mit Ihren Rezensionen und das ist wortgewaltig. Herzliche Grüße aus dem Knoblochkokon, hutziehend.

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    • Danke schön! Gibt es denn einen Bericht über die Begegnung? Wie ist er denn so, dieser Hettche? / Was den Proust anbelangt, er hat jedenfalls einen Auftritt, einen Moment im Totenberg. Als kaufentscheidenden Grund empfand ich ihn allerdings nicht. Da waren es die anderen Portraits, die mich überzeugt haben. Die Pfaueninsel steht aber auch auf der Liste, daher kann ich die Frage leider nicht beantworten. Am besten – wie immer bei der Entscheidung zwischen zwei Büchern -, beide Bücher?

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      • Ein Bericht steht noch aus. Tatsächlich hat mir Kiepenheuer ein Rezensionsexemplar versprochen. Das steht ebenfalls aus. Zumindest kann ich sagen, ich finde Hettche -zwei Lesungen auf der Messe besucht- wohltuend unprätentiös, knurrig-sympathisch. Und ich fand in ihm die mir sehr liebe Selbstironie. Mein Eindruck, er nimmt sich nicht zu wichtig.

        Der käme in meinen Laden.

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      • Na, dann bin ich ja mal auf die Berichte gespannt. Knurrig-sympatisch mag ich am liebsten, vor allem, wenn dadbei Selbstironie tragend zum Vorschein kommt. Ich brauche jedenfalls mehr Hettche, zumindest interessenshalber.

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      • Dem schließ ich mich an. Im Hinblick auf die Shortlist lassen Sie mich noch eines sagen: erst kommt die Fabulierlust und die Sympathie für die Figuren, dann erst das Thema. Das, zusammengefasst, konnte ich bei den zwei Lesungen inklusive Anmoderation und Gespräch mit dem Autor bei Hettche heraushören und man kann das ruhig als kleinen Seitenhieb verstehen, nicht unbedingt gegen Preisträger, aber grundsätzliche neuere deutsche Literatur, sofern bekannt.

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