Essays

Kopien, Ekel und die Frage nach Kunst

Instagram_by_Alexander_WinterFuck Art. Echte Kunst ist tot. Wirklich tot. Schon seit Jahren sind die Leute mit der Bestattung beschäftigt. Geht also nicht ins Museum, spart euch das Geld. Wer Bilder sehen will, sollte sich lieber bei Instagram anmelden. Oder vielleicht noch mal scharf über all das nachdenken.

Eine Annäherung ans Kunstverständnis. Teil 2: Eine Kritik oder: Das Befinden zwischen Kunst und Künstlichkeit.
(Teil 1 findet sich hier).

Erstens: These aren’t news.

Das Internet hat unseren Umgang mit Wissen verändert, unser Sehen und Hören, unser Verständnis des Konsums. Gerade hinsichtlich von Kunst. Eine Online-Galerie mit siebenhundert Bildern, die man innerhalb von fünf Minuten durchgeklickt hat, steht in keiner Relation zur Galerie mit fünfzig Exponaten, in der man sich möglicherweise zwei Stunden aufhalten kann, bis das Gehirn aufgrund der Reizüberflutung streikt. Die Fülle an möglichen Bildern, Videos, Texten und anderen Kunstformen ist im virtuellen Raum nahezu unbegrenzt. Noch in dieser Sekunde entstehen aus dem Nichts hunderte Galerien, flickr-, tumblr-, Instagram-Accounts, Blogs – und in der nächsten Sekunde werden sie bereits von dutzenden Menschen angesehen, bewertet, kommentiert, geteilt. Dabei ist es nicht so sehr das Was, das gezeigt wird, oder das Wie, sondern die Gleichzeitigkeit der Produktion: Ein Schnappschuss im Vorübergehen hat an sich die selbe Berechtigung wie das Acrylbild, das einer Planung, Ausarbeitung und Nacharbeitung bedarf.*


Die Annäherung an die eine Kunst unterscheidet sich aber nicht nur erheblich von der anderen; vielmehr hat sie einen Einfluss auf das generelle Verständnis des Sehens und Auffassens. Der Künstler, der früher in sich eingeschlossen war, der allenfalls durch Kunstschulen und zufällige Künstlerkontakte eintauchen konnte in sein eigenes Metier, ist heute ein Künstler, der überall, jederzeit, weltweit, Kontakt zu jedem haben kann. Seine Verbindungen sind nahtlos, übergangslos. Sie können vom abstrakten Maler bis zum Amazon-Rezensenten reichen, vom deviantart-Künstler bis zum YouTube-Selbstdarsteller. Die Facetten der Kunst, so scheint es, sind dank der Technologie und der daraus resultierenden Möglichkeiten in weitere Facetten aufgebrochen: Werfen wir unseren Blick ins Internet, so könnten wir daran glauben, eine, wenn auch virtuelle, so doch kulturinteressierte, wissbegierige Gesellschaft erschaffen zu haben, die willens ist zu lernen, willens zu erfahren und die über jede Grenze hinaus noch die Kommunikation als wichtigstes Element ihres Daseins begreift.

Wir haben zwar noch das Grabesgeläut im Ohr, wenn wir uns den Buchkonsum und das Literaturverständnis in Deutschland in Erinnerung rufen. Wort- und Textstrukturen waren aber nie wichtiger als zu Zeiten des Internets. Auch wenn die Bücher immer mehr ins Hintertreffen zu geraten scheinen: Gelesen wird trotzdem. Jederzeit, an jedem Ort. Man könnte damit meinen, wir erreichten allmählich die Transparenz unserer Geschichte, unseres eigenen kontextuellen Hintergrundes. Wir lernen voneinander, schneller, bedingungsloser, gieriger. Wir haben nicht genug von einer einzigen flickr-Galerie, oder von zweien, wir legen dutzende, hunderte Favoriten an, wir sammeln sie, horten und hüten sie, verbreiten sie in unserem Gefallen dank Facebook bei hunderten Freunden und deren Freunden und deren Freunden usw. und ein Ende der Kette ist nicht so sehr ein I don’t like this anymore, als viel mehr ein bereits Gesehenes – und allenfalls das Schließen des Fensters.

Im eigentlichen Sinne sind wir dabei keine Mäzen. Dennoch sind wir bereit dazu, unsere Unterstützung nicht nur bei einem simplen Teilen und Verlinken zu belassen. Die Unterstützung für einen Künstler, der uns gefällt, reicht von einem Aufruf zum Kauf bis zum viralen und schließlich auch tatsächlich finanziellen Marketing. (Dies gilt natürlich auch in die andere Richtung, indem wir zum deutlichen Boykott aufrufen). Die Demokratie scheint im virtuellen Raum nicht nur verwirklicht, sondern perfektioniert. Wir, der digitale Mensch, wir, der Konsument, wir sind uns unserer Macht durchaus bewusst. Was wir tun, das tun wir gezielt. Wir verlangen Wissen, und wir bekommen es. Wir fordern Kontakt, und wir stellen ihn her. Jeder ist zu jederzeit immer überall. Dies gilt ebenso für die Kunst.

Zweitens: The essence of seeing.

Dabei entsteht folgendes Problem: Wir sehen, was wir bekommen. Unser Sehen wird zum einzigen Empfinden, unsere vollständige Wahrnehmung, und da wir so vieles sehen, grundsätzlich, sublimieren wir die Überforderung zu schlichtem Gefallen. Uns gefällt alles. Darin sind wir alle Hedonisten, und Ästheten. So gut wie jedes Bild, das wir sehen, können wir zu unseren Favoriten adden, und dort ist es dann, dort und nur dort, eine Oberfläche, die im Vorübergehen zurückbleibt. Und das gilt auch für andere Kunstformen: jeder Blogtext beispielsweise, der unser Herz berührt, wird von der Flut der anderen und auch der nachkommenden Texte mitgerissen, und verschwindet, wird vergessen, muss vergessen werden. Wie sonst sollen wir weiter konsumieren? Wenn alle Speicher voll sind, wie sollen wir verarbeiten? Weiteres Wissen, weiteres Lesen und Sehen und Erfahren ist nur einen Klick weit entfernt. Also weiter, kein Gedanke, kein Hinterfragen, nur weiter.

Übertrage ich dies auf die Wirklichkeit, so überrascht es nur bedingt, Menschen hastig durch Galerien eilen zu sehen, das Smartphone immer bereit für das nächste Abfotografieren, weiter, schneller, nur nicht stehen bleiben.

Drittens: I’m born that way.


Da wir sehen, dass Kunst sich leicht produzieren und reproduzieren lässt, haben wir begonnen daran zu glauben, dass in jedem von uns ein Künstler steckt. Es ist leicht, Kunst zu schaffen, das Geschaffene zur Kunst zu erklären. Die Quantität übersteigt weitestgehend den Anspruch, denn Anspruch ist demokratisiert. Jeder kann alles. Alle sind jederzeit in der Lage, einen Bestseller zu schreiben, ein Foto zu schießen, das ausgestellt werden wird, singen zu können. Unsere Gesellschaftsstruktur besteht aus dem Willen, uns selbst zur Kunst zu erklären. Das Besondere ist das Prinzip der Vielheit. Individualisierungszwänge und Gleichschaltungsprinzipien sind dabei nur eine Spielart unter vielen. Doch in einer Gesellschaft, die sich die Schönheit aufs Brot und ins Gesicht schmiert, in der Jugend- und Schlankheitswahn wie Siamesische Geschwister auf jeder Bühne auftreten, in jedem Film, in jedem Magazin und da sogar auf den Titelseiten, in der jeder alles ist, Multitalente in einer multiorganisierten Realität, in der jeder Zugang zu allem hat, und dem Selektierungszwang durch Gefallen entgeht – hier ist die Kunst nichts als Künstlichkeit.

Charlotte_RocheWir sehen und hören zu viel, wir filtern nicht, wir nehmen alles auf. Unsere Gier ist die Gier nach Erfahrung, und die Müdigkeit die Langeweile des Eigenen, des Bestehenden. Eine unermüdliche Abfolge des bereits Gesehenen, eine Wiederholung. Man muss also erst ein Plagiat schreiben, um einen Skandal auszulösen, man muss über Hämorrhoiden schreiben, um zu schockieren, aber der Schock vergeht, es wird zuerst hingenommen, dann kopiert. Schließlich vergessen. Der eigentliche Schockmoment ist ein Schockmoment des Vergessens, eine Ohnmacht. Betrachtet man die Belletristik der letzten zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre in Deutschland, so war der Skandal das einzige Mittel der belletristischen Kunst, nicht nur Gefälligkeit, sondern Auseinandersetzung auszulösen; dennoch war dieser Schock nicht werkimmanent. Und falls doch, so wurde er spätestens durch das Aufblasen von Feuilleton und Medien ganz gegenteilig zur Banalität degradiert. Der Schock spielte Provokation, und berührte niemanden auf Dauer.

Die Kunst, wie sie man sie uns präsentiert (und wie wir sie selbst produzieren), ist eine nivellierte Kunst. Ein Rahmen der Leere, d.h. ein Rahmen ohne Bild. Die Postmoderne, die viel gelobte und ewig herbei zitierte, hat sich im Grunde dabei selbst überholt, die Moderne zu überholen, und ist dabei unglücklich gestürzt. Allerdings ohne es zu merken. In Wahrheit sitzen wir bereits bei ihrem Leichenschmaus.

* siehe Susan Sontag.

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3 Gedanken zu “Kopien, Ekel und die Frage nach Kunst

  1. Pingback: Rausch, Wahn und die Frage nach Kunst | Talking Giants

  2. laura schreibt:

    Wenn Kunst (wie in Teil 1 erläutert) primär aus der subjektiven Reflektion und Wahrnehmung heraus zur Kunst wird, liegt es dann nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – im Auge des Betrachters, die Kunst nicht nur digital, klickend, likend, via Instagram & Co wahrzunehmen, sondern bewusst nach Kunst in Museen und Galerien zu suchen? Dort zu verweilen, auch gern mal länger als wenige Sekunden pro Bild? Oder anders gesagt: Wird hier nicht die Rezeption mit der eigentlichen Kunst verwechselt und aufgrund dieser Vertauschung der Tod der Kunst zum x-ten Mal ausgerufen?
    Natürlich gibt es auch in den Institutionen eine Kunst-Inflation und auch dort herrscht zuweilen – so häufig mein Eindruck beim Beobachten anderer Besucher – eine Reduktion auf das ephemere Gefallen vor. Doch ich hab die Hoffnung: Es gibt sie noch; die Kunst, die über das reine Schockieren- oder Gefallenwollen hinausreicht einerseits und den Rezipienten andererseits, der nach einem Dazwischen, Dahinter, Darüberhinaus sucht.

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    • Kunst im eigentlichen Sinne ist nicht tot, allenfalls ihre Definition (die kontextuelle Verortung als etwas Modernes, oder: Postmodernes). Kunst ist durchaus sehr lebendig. Ob sie hingegen authentisch ist, weiß ich (noch) nicht.

      Für mich ist die Rezeption der Kunst mit der Kunst als solches deckungsgleich bzw. Kunst entsteht erst durch Rezeption (siehe Teil 1). Die Frage, die sich mir allerdings dabei stellt, ist, was das bei einer veränderten Rezeption wie der unseren bedeutet. Dass ein ästhetisches Empfinden im Auge des Betrachters liegt – ok. Ebenso, ob einer etwas als Kunst auffasst oder als solche behandelt. Nur wie verändert sich unsere Kunstwahrnehmung und die entstandenden Werke, wenn wir nicht nur Kunst per definitionem auflösen, sondern ihre Deutungsgrenzen verschieben; wenn wir bspw. einen Künstler, der eine Schule besucht hat, wo er das Kreise-Malen erlernen musste, mit dem Instagram-Schnappschusskünstler gleichsetzen, dessen einziges Handwerk darin besteht, den richtigen Filter auszuwählen?

      Und mehr noch. Was bedeutet der Input für unsere Wahrnehmung? Wenn wir uns tagtäglich durch hunderte Tumblr-Galerien klicken – was macht das mit uns, welche ästhetischen Reize löst das bei uns aus – auch dauerhaft? Und was bedeutet die Geschwindigkeit, mit der wir Kunst konsumieren? Sollte Kunst überhaupt konsumierbar sein? Das ist, was ich damit hinterfragen wollte.

      Das Dazwischen und Dahinter und Darüberhinaus, von dem du schreibst, das interessiert mich eben – und ich suche danach. Sehr langsam, aber beharrlich. Im Grunde ist meine Frage nach Kunst nichts anderes als diese Suche.

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