Interviews

Amazon verarscht eigentlich jeden

Kurt_von_HammersteinWer das richtige Buch sucht, fragt besser Kurt von Hammerstein. Der Berliner Buchhändler schlägt im Gespräch einen weiten Bogen von der städtischen Gentrifizierung, über das absolut Böse (Amazon) und die lieben Schweizer hin zu unterschätzten Autoren – und verkauft dabei noch zwei Bücher.

Geht man die Treppe hinunter und dann ein wenig zur Seite, weil da zwei Postkartenständer stehen, wo immer jemand ist, kommt Kurt – ja, jetzt ja – durch den Vorhang, der den Ladenbereich seiner Buchhandlung vom Lager, Büro und der Küche trennt, und bringt eine Tasse Espresso. Käffchen? Klar. Kurt grinst, und führt hinter die Kulissen. An der Kasse fragt schon wieder jemand nach 50 Shades of Grey, man hört’s genau, achje, und der Calvino muss auch nachbestellt werden, einen Moment, bitte. Links und rechts stapeln sich die Bücher – sie drängen sich in die Ecken des Séparées bis unter die Decke, liegen und stehen und lehnen dicht an dicht –, und zwischen ihnen, fast in der Mitte, sitzt Kurt.

* * *

Wer bist du und was machst du?

Mein Name ist Kurt von Hammerstein und ich bin seit zehn Jahren Buchhändler in Berlin und seit zwei Jahren Verleger.

Hatten deine Eltern Humor oder ist dein Name eine geschichtliche Referenz?

(lacht) Nein, das ist reiner Zufall. Kurt von Hammerstein ist zwar verwandt, aber in einer anderen Linie, und ich bin auch nicht der einzige Mensch, der den gleichen Vornamen hat. Es war der Name meines Urgroßvaters, und ja, (lacht) ich glaube, sie hatten Humor, sonst hätten sie mich nicht Kurt genannt.

Happy_Birthday_Hundt_Hammer_SteinHundt Hammer Stein, deine Buchhandlung, hat im Oktober 2014 zehnjähriges Jubiläum gefeiert. Wie schafft man das – zehn Jahre Berlin Mitte?

Endlose Toleranz. (lacht) Nein, das stimmt nicht, überhaupt nicht. Ich glaube, das sind zwei getrennte Fragen. Einmal: Wie schafft man es, einen Buchladen über zehn Jahre lang zu führen, und das ist einfach zu beantworten: Wenn man materiell anspruchslos ist, dann schafft man das. Es ist kein Geheimnis, dass du damit nicht irrsinnig viel Geld verdienst. Daher schaffst du das nur mit viel Liebe zum Beruf. Klingt furchtbar, ist aber so. Du musst Spaß daran haben und es jeden Tag gerne machen und ich bin manchmal sehr erstaunt darüber, dass ich tatsächlich noch tagtäglich gerne hier arbeite.

Und was Berlin-Mitte anbelangt …?

Ich finde, Mitte hat ja immer zu Unrecht einen so schlechten Ruf. Ich mag Mitte. Das hat einmal den Grund, dass gerade das Scheunenviertel sehr viel kieziger ist als andere Viertel und wenn ich mich hier vor die Tür stelle – okay, nach zehn Jahren Ehe –, dann ist es wie aufm Dorf. Du grüßt rechts und links, winkst jedem zu. Das hat schon was sehr Persönliches, Dörfliches. Auf einer inhaltlichen Ebene ist das für uns gut, denn der Lesegeschmack, den wir hier bedienen, der größtenteils natürlich auch mein eigener ist, korrespondiert extrem mit den Leuten, die hier wohnen oder arbeiten. Es gibt eine sehr große gemeinsame Verbindung – zwischen uns und dem Publikum.

Zehn Jahre sind gerade für Berliner Verhältnisse eine lange Zeit. Würdest du sagen, Mitte hätte sich in dieser Zeit sehr verändert?

Ja. Mitte ist stromlinienförmiger geworden. Das sieht man natürlich an den Läden, die hier mittlerweile sind, und an ihrem Durchwechsel auf der Straße oder überhaupt: den Straßen drumherum. Es ist gar nicht mehr high end – vermutlich war’s hier vorher high end, als zum Beispiel noch die kleinen Boutiquen da waren. Es wird immer touristischer, was per se jetzt nicht schlecht ist, weil: wenn mehr Leute auf der Straße sind, desto besser ist das fürs Geschäft, aber man merkt es. Also: nicht wir im Besonderen, aber die anderen Läden merken es, alle, die etwas Spezielles machen, etwas Handgemachtes oder wirklich Inhaberbetriebenes. Das wird hier immer weniger. Einfach, weil die Preise steigen. Die Gewerbemieten gehen eigentlich nur an irgendwelche Ketten und dementsprechend wird alles seelenloser. Das merkt man schon. Ich finde aber nicht, dass das Publikum, also besonders das Stammpublikum, das hier lebt oder arbeitet, wechselt. Es ist nur rummeliger und mehr los, mehr Touris und sicherlich auch internationaler, was ich nicht schlecht finde. Das heißt aber auch: Mehr Publikum mit weniger Anspruch. Mal neutral gesagt.

War das eine vorhersagbare Entwicklung?

Man konnte davon ausgehen, dass es dahin führt, ja. Allein wegen der Nähe zum Hackeschen Markt. Nur die Schnelligkeit – gut, zehn Jahre sind nun nicht schnell, aber eigentlich hat es ja in den letzten drei, vier Jahren erst richtig angezogen – die Schnelligkeit, mit der gentrifiziert und auch Altes weggeräumt wird, ist erschreckend.

Und was ist deine Prognose für die nächsten zehn Jahre?

Hinsichtlich der Geschäfte oder genauer gesagt: der Geschäftsmieten – na, das müsste sich eigentlich mittlerweile konsolidiert haben, also kann es eigentlich auch nicht mehr sehr viel teurer werden. Hier sind in den letzten zwei, drei Jahren die Geschäftsmietpreise um – was weiß ich? 100, 200% gestiegen. Dabei gibt das Publikum jetzt nicht plötzlich auch 100% mehr aus. Und irgendwo ist eine Grenze erreicht; ich gehe davon aus, dass die bald erreicht sein wird. Also momentan siehst du, dass hier extremer Vollstand herrscht, also jeder, der etwas sucht, findet im Moment nichts. Ich glaube allerdings, das wird sich in den nächsten zehn Jahren wieder entspannen. Die Alternative ist im Endeffekt defätistisch. Dann kann man gleich aufhören. Wenn es allerdings einfach so weitergeht, wie in den letzten Jahren, dann sehe ich da nicht mehr große Chancen. Wir haben hier in der Straße, glaub ich, sehr viel Glück im Gegensatz zur Münzstraße zum Beispiel, wo die Räumlichkeiten viel größer sind, d.h. durch diesen vorgegebenen, beengten Ladenraum wirst du hier keine großen Ketten finden, wie bereits 200 oder 300 Meter weiter. Vielleicht wird diese Straße somit noch ein bisschen kleiner und gemütlicher bleiben als die umliegenden Straßen.

Wenn Berlin ein Mensch wäre, welche Bücher würde sie oder er dann bei dir kaufen?

Oh, also wenn Berlin ein Mensch wäre, dann wäre Berlin ein Mensch mit einer extremen multiplen Persönlichkeitsstörung. (lacht) Und dann wäre die Frage, mit welcher dieser Persönlichkeiten wir gerade reden. Da könnten wir gerade mal Matt Ruff hervorziehen.

Was wäre Berlin denn früher gewesen?

Vor ein paar Jahren hätte man sagen können, Berlin sei ein rotziger, aber auch witziger Arbeitsklassenmensch. Das ist nun ja nicht mehr so. Durch den Zuzug, zudem wir alle gehören, hat sich das verändert. Ich glaube, man kann allenfalls noch danach fragen, welche Art Mensch ein bestimmtes Viertel wäre.

Gut, dann beschränken wir uns auf Berlin-Mitte.

Dann würde sie oder er modebewusst Bücher kaufen. Die müssen gut aussehen, die dürfen auch gern inhaltslos und Coffee-Table-Bücher sein, und andererseits – na, ich darf das Viertel ja nicht so schlecht machen: Wenn Berlin-Mitte ein Mensch wäre, dann würde er zwar manchmal auch der Inhalte wegen, trotzdem aber verstärkt mit einem Auge aufs Äußere Bücher kaufen. Ein Mensch wäre das, der sagen würde: I do judge my books by their covers. Aber es ist nicht nur das Cover, ich möchte bitte auch den dazu passenden Inhalt haben. Und der wäre dann jung und gewollt modern, also garantiert nicht avantgardistisch, aber der Avantgarde immer so ein bisschen hinterher hechelnd, sodass es noch knapp Avantgarde sein könnte, vor allem vom Blick von draußen wäre es das. Oder mit anderen Worten: angloamerikanische, gehobene Unterhaltungsliteratur, gerne im Original.

Denkst du, Berlin-Mitte würde auch einen E-Reader benutzen?

Als Arbeitsmittel, ja, aber nicht unbedingt als durchgehenden Ersatz des gedruckten Buches, denn Berlin-Mitte ist immer noch auf die äußere Erscheinung bedacht, und ein gefülltes Buchregal gehört dazu. Ich glaube allerdings, das betrifft nicht nur Berlin-Mitte. Es wird diesbezüglich ein Wandel stattfinden. Dass gerade Arbeitsmaterialien auf dem E-Reader gelesen werden und, was man so mitbekommt, viele einfach sagen: Die Urlaubsbücher, die ich sowieso nicht in mein Regal tun möchte, die les’ ich einfach auf dem E-Reader. Oder irgendwelche Krimi-Taschenbücher.

Stört dich das?

Ich bin komplett anderer Meinung. Also, ich finde auch ein Krimi-Taschenbuch – egal, wie scheiße es ist –, gehört ins Regal, denn es ist eine Erweiterung des persönlichen Leseumfeldes. Ich würde da jedenfalls keinen Unterschied machen. Das Taschenbuch wird vermutlich in Teilen überleben, das werden immer mehr auf dem E-Reader lesen. Solange man allerdings noch auf äußere Erscheinung erpicht ist, wird das Hardcover nicht eingehen.

Könntest du dir vorstellen, dass Leute in den Laden kommen, um sich die Bücher hier in einer Art E-Reader-Station runterzuladen?

Dafür müsste ich mir erst mal vorstellen können, dass ich die E-Reader-Station in meinen Laden packe – und das wird bei mir nicht stattfinden. Was aber natürlich passiert, ist, dass Leute hier E-Books bestellen.

Ist das nicht absurd?

Es ist wirklich witzig – aber warum eigentlich nicht? Die Leute gehen ja hauptsächlich in ein Geschäft, nicht, um irgendwas zu kaufen, sondern um das Gefühl zu haben für das ganze Drumherum, die Beratung. Und wenn du dich beraten lassen hast, ist es dir ja selbst überlassen, ob du das jetzt als Hardcover oder als Taschenbuch oder als E-Book kaufst. Also dementsprechend ist es relativ einfach geworden. Solche Bestellungen sind bei uns dennoch verschwindend gering. Die gesamte E-Book-Sache kriege ich hier bislang noch nicht so groß mit. Es wird sicherlich mehr werden.

Geht es dabei auch darum, die Menschen, die immer mehr auf E-Book und E-Reader umsteigen, vom Internet fernzuhalten? Falls ja, wird das funktionieren?

AlgorithmJa, sicher geht es darum. Wenn du dir Musik- und Filmbusiness allerdings anschaust, dann muss man direkt sagen: Nein, das wird nicht hinhauen. Natürlich sind Filme und Musik nicht so beratungsintensiv wie Bücher, also zumindest sind Bücher immer noch so beschaffen. Gleichzeitig verlassen sich immer mehr Leute auf dubiose Amazon Leute, die das gelesen haben-Algorithmen. Es bleibt also spannend – es ist absolut nicht vorherzusagen, ob der ganze E-Book-Markt an den Läden vorbeigeht oder ob wir da mitmachen können. Man muss sich da aktiv dafür einsetzen und da muss ich ehrlich gesagt zugeben: Ich bin noch nicht bereit dazu, mich aktiv dafür einzusetzen.

Stichwort Amazon. Warum ist Amazon eigentlich das Urböse? Deine Top-5-Gründe.

Amazon ist gesamtgesellschaftlich unverträglich, aber das weiß nun ja eigentlich jeder. Amazon verarscht europäische Staaten mithilfe von Luxemburg, aber das weiß mittlerweile auch jeder. Es kann nicht angehen, dass ein Laden gefakte 1,2% Steuern zahlt. Amazon macht den Markt kaputt, indem es mit Minus arbeitet, weil es einfach genug Investoren hat und andere Anbieter damit verschrotten kann, obwohl das in Deutschland schwierig ist, bezüglich des Buchmarktes – es gibt ja die Buchpreisbindung. Amazon verarscht seine Arbeiter. Amazon verarscht eigentlich jeden, ehrlich gesagt. Und ich habe gar kein Problem mit Internethändlern, die haben auf jeden Fall ihre Berechtigung.

Jeder kauft irgendwann mal was im Internet ein.

Und natürlich ist Amazon da wahnsinnig einfach. Du hast deine Daten ja vorher eingespeichert, was super ist, weil dann kennt Amazon die auch, aber eigentlich kannst du alles, was du bei Amazon kaufst, auch woanders im Internet kaufen. Mir geht’s wie gesagt nicht ums Internet, sondern um die Monopolisierung eines Händlers, von dem die Leute wirklich ernsthaft annehmen, er will unser Bestes, und der ist unser Freund. Da möchte man sofort fragen: Wie kommt ihr auf die Idee, dass ein multi-internationaler Konzern dein Freund ist? Das ist nicht so. Und was wird passieren, wenn die alle Mitbewerber weggedrängt haben? Dann werden die nicht noch billiger und freundlicher, sondern dann wird die Schraube angezogen. Es ist mittlerweile vermutlich nicht mal so sehr Amazon, was mich aufregt, sondern die Leute, die zu dämlich sind zu begreifen, was sie eigentlich mit ihrem eigenen Leben machen, wenn sie sich weiter so verhalten. Natürlich betrifft mich das persönlich, aber wenn du das einfach mal gesamtgesellschaftlich siehst – wo steuern wir da hin? Das ärgert mich.

Vielleicht haben sich die Menschen absichtlich verdummen lassen?

Nein, es ist nicht das dumme, nicht-nachdenkende Volk, dem verzeihe ich nämlich vieles, weil es dumm ist und nicht nachdenkt. Es ist stattdessen dieses Völkchen hier um mich rum, die sind alle akademisch gebildet, die sind alle LPG, bio, und total auf Nachhaltigkeit – und dann aber wirklich bei einem der übelsten Einzelhändler der Welt einkaufen? Das geht mir nicht in den Kopf. Nur weil’s praktisch ist.

Ist das vielleicht eine Ausdrucksform der Faulheit oder Bequemlichkeit?

Ja, wahrscheinlich. Und das hat dann den gleichen Effekt wie das iPhone 5. Das ist total praktisch, dass man sein Telefon jetzt mit seinem Fingerabdruck sichern kann. Achso, dann kann Apple meine Daten — ach, mir doch egal, das ist so praktisch! Und dieses Das ist so praktisch macht mich wütend. Wir fliegen natürlich auf Sachen, die praktisch sind, weil vorher alles so unpraktisch war. Der Drucker hat erst noch den richtigen Treiber gebraucht und dann fehlte das Kabel und am Ende war’s trotzdem nicht kompatibel. Das ist jetzt anders. Alles passt. Und man nimmt uns damit jeden Schritt und jedes Nachdenken ab. Eine Diktatur ist allerdings auch praktischer als eine Demokratie. Und Massentierhaltung ist praktischer als die ökologische Landwirtschaft. Sehr viele Sachen sind praktisch, aber damit nicht auch zwangsläufig gut.

Weil wir gerade bei dumm sind – was hältst du vom deutschen Kanon der Literatur?

Überbewertet. Da bin ich allerdings auch parteiisch: Ich bin geschädigter Literaturstudent, der am Anfang seines Studiums eine Liste mit gefühlt 450 Büchern in die Hand gedrückt bekam mit der Aussage: Da, die sind der Kanon und die musst du lesen. Ich reagiere schon allergisch, wenn jemand sagt: Das musst du lesen. Das ist das allerletzte. Warum muss ich irgendwas? Das muss mir erst mal erklärt werden. Und wenn mir dann so ein Kanon erklärt wird – gerne. Blöd nur, dass ein Kanon davon lebt ein Kanon zu sein, indem er ein Buch in sich aufnimmt ohne das weiter erklären zu müssen. Der steht einfach da, der Kanon. Ich finde nicht, dass man Goethes Faust gelesen haben muss. Man muss auch nicht Berlin Alexanderplatz gelesen haben. Ich finde, jeder sollte seinen eigenen Kanon erstellen und das lesen, was ihm gut gefällt.

Deutsche Literatur – ja, nein, vielleicht? Würdest du — —

Kurt_von_Hammerstein_by_v-mag.berlinNein (lacht). Also nein. Machen wir’s so: Deutschsprachige Literatur: ja. Ich bin ein großer Freund der Schweizer, und ja, jetzt kommt meine Eloge auf die Schweizer Literatur, die, glaub ich, damit maßgeblich zusammenhängt, dass die Schweizer eine gerüttelt Maß Entfernung zur deutschen Schriftsprache haben und dementsprechend sehr viel vorsichtiger und präziser mit der Sprache umgehen.

Was stört dich denn so an deutschen Büchern?

Mein Problem mit zeitgenössischer deutscher Literatur – und vor allem der jungen zeitgenössischen deutschen Literatur – ist: Ich habe nichts zu erzählen, aber mache das in wohlfeilen Worten. Und mich ärgert an der deutschen Kultur und insbesondere Literaturszene – auch wenn das ganz viele andere kulturelle Themen anschneidet – diese extreme Unterscheidung und Ghettoisierung zwischen E und U, was im Angloamerikanischen nicht passiert. Da kannst du unterhaltsam sein und trotzdem ernsthafte Themen behandeln. Das gibt es bei Deutschen nur punktuell.

Und abgesehen davon?

Viele deutsche und dabei vor allem junge Autoren sind für mich wirklich unglaublich gute Stilisten, neutral gesehen, denn es gefällt mir meistens nicht, was die da schreiben, aber gute Stilisten sind sie trotzdem. Das Handwerk haben sie drauf. Sie interessieren sich nur nicht die Bohne für Inhalte.

Welcher der deutschen zeitgenössischen jungen Autoren ist denn stilistisch schön?

Meine Epigone der neuen deutschen Autorengeneration ist da Judith Hermann; die schreibt wunderbar und es geht mir inhaltlich echt am Arsch vorbei. Das ist bei vielen so. Katharina Hacker beispielsweise, und selbst (zögert), wobei, nein, Julia Franck schreibt noch nicht mal gut, aber wenn ich so überlege… (überlegt) Wunderbar geschrieben, aber ohne viel Inhalt? Da fallen mir jetzt komischerweise nur Spanier und Portugiesen ein, die natürlich alle hervorragend übersetzt sind. Dementsprechend haben wir gute deutsche Autoren – das sind nämlich die, die das übersetzen.

Und deutschsprachige Literatur?

Was jetzt die deutschsprachige Literatur anbelangt, würde mir der Spaziergänger Zbinden (Anm. A.W.: von Christoph Simon) einfallen, wo wirklich nichts passiert, aber es ist eines der schönsten deutschsprachigen Bücher, die ich je gelesen habe. Ein Schweizer. Mir fällt Jonas Lüscher ein, aber in seinem Frühling der Barbaren passiert tatsächlich was – ist auch ein Schweizer. Einer der größten Stilisten überhaupt, der Dobelli, ist ein Schweizer. Capus – Schweizer.

Und ist dir bei so vielen Schweizern mittlerweile ein deutscher Autor eingefallen?

Ich glaube, einer der größten deutschen Stilisten ist, und zwar im Moment mit einer literarischen Wucht, Thomas Melle, der ist tatsächlich Deutscher, und der ist brillant. Der hat ein Sprachvermögen von Gosse bis ins oberste Jetzt-machen-wir-ne-Derrida-Nummer – der beherrscht das wirklich so, dass du’s ihm abnimmst. Hat der viel zu erzählen? Wahrscheinlich nicht, nein, aber er erfindet zumindest etwas. Das Problem ist eben weniger Stil; es ist vielmehr diese unglaubliche Langeweile.

Ist das nicht eine deutsche Tradition – Langeweile? Angefangen bei Thomas Mann — —

Na gut, Thomas Mann ist natürlich die Königin der Langeweile, boah, ist der langweilig, aber nein, ich sehe da eine andere Tradition: Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig — —

Ein Österreicher!

Lion_FeuchtwangerStimmt (lacht). Na, also dieser Max Frisch. Nein, okay. Nehmen wir also mal Lion Feuchtwanger, der ist mein Lieblingsautor des beginnenden 20. Jahrhunderts: Kein großer Stilist, er hat einen Schwerpunkt auf Historien und erzählt jede einzelne sehr straight to the point, ohne Schnickschnack, wie Stefan Zweig auch – na gut, das ist also vermutlich wirklich meine Vorliebe. Ansonsten kann man sich noch ein paar Scheiben von Kästner und Tucholsky abschneiden. Die berühren zutiefst, ohne kitschig zu sein, oder ohne Pathos zu haben. Und das ist nämlich genau das, was mich bei den neuen Deutschen aufregt: Sehr viele von ihnen sind einfach unsagbar pathetisch.

Was denkst du, muss passieren in der deutschen Literaturszene, dass mehr Aussagen getroffen werden? Oder glaubst du, dass liegt am deutschen Zeitgeist?

Uns geht’s einfach gut, und echte Kunst braucht wahres Leiden. Die Theorie meiner Großmutter besagt, dass in der schlimmsten Zeit immer die besten Bücher geschrieben werden, und vielleicht hat sie Recht. Das ist natürlich rückblickend und von einer Umschwungszeit, wie den 20ern, 30ern, leicht gesagt: Da war einfach extrem viel los, und da mussten sich Autoren politisieren. Und ich bin jetzt überhaupt kein großer Freund von politischer Literatur, weil das oftmals wirklich nach hinten losgeht. Dann müssen wir alle plötzlich Maxim Gorki lesen oder den anstrengenden Majakowski – da hab ich auch keinen Bock drauf. Es waren aber natürlich Themen, die behandelt werden mussten, und das ist in unseren Wohlstandsjahren der 80er, 90er und anlaufenden 2000er Jahren verloren gegangen. So konnten wir alle Befindlichkeitsliteratur schreiben oder komplett unnötige Popliteratur.

Glaubst du denn, dass sich das ändern wird?

Ja, man merkt: Der Ton wird rauer, auch gesamtgesellschaftlich, und das trotz der großen Blase namens Angela Merkel, die da über uns schwebt. Der Ton wird rau zwischen Staaten, zwischen Menschen, und damit auch in der Literatur. Es gibt im Moment einige Ausnahme-Erscheinungen – da wären wir wieder bei Thomas Melle, der auch rau ist. Wahrscheinlich, und ich weiß nicht, ob wir uns das wünschen sollen, müssen die Zeiten härter werden.

Das wäre die eine Möglichkeit…

Die andere Möglichkeit wäre die, dass deutsche Autoren sich endlich trauen, aus ihrer Fantasie heraus zu schreiben. Also eher die angloamerikanische Variante. Geschichten einfach zu erfinden. Das bedeutet eben auch mal über den eigenen Tellerrand hinüberzuschauen. Hier in Deutschland heißt das Motto: Ich bin in meiner eigenen Befindlichkeit super und darüber schreibe ich, aber eigentlich interessiert das nur die Leute, die in dieser Suppe rumschwimmen. Und du erreichst niemanden außerhalb davon.

Und es gibt auch keine Ausnahmen?

Na doch! Es gibt solche Solitäre wie den Tschick von Herrndorf, das ist ein Jugendbuch. Herrndorf ist jemand, der schafft es wirklich in einer kleinen Geschichte – nicht viel mehr als ein Roadmovie, eigentlich –, in der gar nicht so viel passiert, unglaublich viele existentielle Fragen zu stellen – und zu beantworten. Und das ist schon sensationell. Vermutlich kennt aber jede Literatur ihre Solitäre, die aus der trögen Masse herausstechen. Und uns geht es ja noch gut in Deutschland.

Ohje, wo ist es denn noch schlimmer?

Wenn ich mir da die französischen Autoren anschaue… Das ist ja noch viel unnötiger, was da passiert. Diese ganze Bobo-Scheiße, das ist richtig schlimmer, schlimmer spießiger Revisionismus, der da abgeht. Diese Mischung aus Intellektualität, Boheme und Bourgeoisie ist sehr ungesund und selbstreferenziell und da kommen wir nah dran…

Und wie vermeiden wir das deutsch-französische Doppelgänger-Dasein?

Also ich wünsche uns jetzt keine gesamtgesellschaftlich schlechtere Situation, also da wäre ja auch ich selbst blöd dran, dann würde es auch mir schlechter gehen. Und ein Umdenken? Ich weiß es nicht, ich hab jetzt auch nicht unbedingt den Blick auf die Literaturschulen in Leipzig und Hildesheim – was da passiert. Wenn da was passiert.

Die bilden Leute aus, die kommen da raus, die haben auch Talent, und die Fähigkeiten, aber wo sind diese Leute dann? Ich seh sie spätestens beim Kauf der Bücher nicht mehr.

Ja. Das ist dieser dämliche Elitarismus. Das fängt in den Schulen an und endet bei renommierten Preisen. Für mich, und das finde ich übrigens symptomatisch für die ganze deutsche Literatur, ist da besonders der Ingeborg-Bachmann-Preis beispielhaft, der hochgelobte. Wir haben hier im Laden festgestellt: Sobald jemand den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, können wir die Bücher gleich zurückschicken, die kauft keiner mehr. Und das ist wirklich furchtbar. Die arme Inge, die kann da nichts für, aber das ist wirklich ein furchtbares Zeichen, denn das heißt, dass diese Literatur- und Geistes-Elite, die sich um diesen Ingeborg-Bachmann-Preis herumdrängelt, komplett den Bezug verloren hat zu dem, was die Leute lesen wollen. Zu elitär zu sein bringt nichts mehr, weil: dann erreichst du keinen. Und wenn ein Schriftsteller erst mal keinen mehr erreichen will, dann muss man sich fragen: Warum schreibt er? Der soll gerne schreiben, aber dann muss er’s ja nicht unbedingt veröffentlichen.

Ist das denn mit allen Preisen so?

Nein. Das ist sehr erfrischend am Deutschen Buchpreis, dem das ja alles scheißegal ist. Das ist eine reine Marktnummer, wie übrigens jeder andere Literaturpreis der Welt auch. Es ist nur mal wieder typisch deutsch, das alles nicht machen zu wollen wegen der Hochkultur. Ich bin kein Riesenfan vom Deutschen Buchpreis, aber ich finde da geht es wenigstens darum, ein Buch zu finden, das sowohl gut und anspruchsvoll geschrieben ist, als auch den Massen gefallen könnte, und manchmal haut’s nicht hin, wie bei Ursula Krechel, und manchmal eben doch. Das finde ich viel spannender – auch wenn da eine andere Marketing-Maschinerie dahintersteckt, klar, aber wenn Leute hier im Laden miteinander über Preise reden, dann ist es nicht der Döblin-Preis oder der Ingeborg-Bachmann, sondern der Deutsche Buchpreis, weil der eine Auswahl schafft, welche die Leute anspricht.

Wenn wir schon bei der Ursula sind – deine Top 3 der unterschätztesten Autoren. Nicht deutschsprachig, sondern international, versteht sich.

David Mitchell, weil es nämlich der beste Autor der Welt ist… Der wird allerdings nicht weltweit unterschätzt, Mitchell wird im englischsprachigen Raum definitiv gelesen. Nur bei uns eben nicht.

Weil… ?

Ich bin mir gar nicht so sicher, warum. Es gibt da vermutlich verschiedene Gründe. Seine Thematiken sind beispielsweise einfach zu antirealistisch, also immer voller fantastischer und surrealer Elemente, wobei das natürlich nicht der Hauptgrund sein kann, weil der gesamte deutschsprachige Raum liest Murakami hoch und runter, und Mitchell ist sehr murakamiesk. Und dann ist da natürlich Rowohlt. Die haben da anscheinend beschlossen, ihn nicht verkaufen zu wollen. Das sieht man, wenn man sich die Cover anguckt… Es ist eine echte Katastrophe, was sie für ihn tun – nämlich gar nichts. Da denk ich doch: Verlegt ihn doch nicht, dann lasst ihn raus aus dem Vertrag und gebt ihm einen deutschen Verlag, der sich wirklich Mühe macht und sich für ihn einsetzt. Also das wäre einer, der unterschätzt wird.

Und was ist mit den anderen?

(lacht) Ich kann dir so viele Autoren nennen, die überschätzt werden, aber das ist ja einfach. Nun, da wäre noch ein Angloamerikaner: Michael Chabon. Der wird in Deutschland unterschätzt, weil viele Leute ihn für zu unterhaltungsbillig halten und dabei gar nicht richtig begreifen, was für ein unglaublich versierter, sprachgewaltiger Autor er eigentlich ist. Michael Chabon zu lesen ist zwar wahnsinnig witzig und unterhaltsam, aber wenn man den mal im Original liest, dann merkt man schon: Hui-ui-ui, der hat schon eine sehr viel exquisitere Wortwahl als viele andere, viel erfolgreichere Autoren.

Kommen nur englischsprachige Autoren auf deine Short List?

Nein. Wer auf jeden Fall unterbewertet ist, in Deutschland, ist Wiktor Pelewin. Der ist Russe, und moderne Russen werden in Deutschland systematisch unterschätzt. Dieses Land bietet leider keinen Markt mehr für osteuropäische Literatur und das ist sehr traurig, weil wir sind nun wirklich nahe dran. Wie das aussehen könnte, findet man direkt um die Ecke, in Österreich, da hast du einen großen Markt für die ganze Balkanliteratur. Und in Deutschland? Da läge es doch nahe, polnische und russische Literatur zu vertickern, aber wir sind selbst hier, knapp 100 Kilometer von Polen entfernt, mit beiden Augen immer nur im Westen.

Was braut sich literarisch denn da im Osten zusammen?

Das ist für mich ein großes Thema: Literatur aus dem Osten. Und das ist natürlich gerade jetzt besonders schwierig – mit Russland als Buhmann. Ich bin da vermutlich ganz vorne mit dabei beim Buh-Schreien, denn das ist bei mir ganz klar eine enttäuschte Liebe. Ich bin ein irrsinnig großer Freund der russischen Sprache, ich hab sie ja nicht umsonst gelernt und mich jahrelang damit rumgeschlagen. Die literarische Tradition Russlands endet für uns Deutsche so einfach mit, sagen wir mal, Bulgakow – wenn Leute heute Bulgakow überhaupt noch kennen –, und ach ja, Solschenizyn, der hat da doch so einen Preis gewonnen, aber alles, was neuer ist, was nach 1990 kommt und auch Russland erklärt und dass uns das alles eigentlich gar nicht wundern darf, was da passiert, das kommt bei uns nicht an. Man muss seine Vorstellung lösen, von diesem ewig leidenden, Vodka saufenden und eingelegte Eier mampfenden Russen oder Slawen, und mal erkennen: Da sind auch junge Leute, die extrem gut vernetzt sind und wissen, was international läuft.

Und deswegen also Pelewin?

Ja! Wenn du Pelewin liest, dann ist das immer etwas Fantastisches, denn Pelewin stellt sich in die Tradition von Bulgakow: Wenn du über deine Situation nicht 1 zu 1 schreiben darfst, oder kannst, weil du Angst hast, um dein Leben, deine Angehörigen, deinen bloßen Besitz, oder weil du verboten wirst, dann schreibst du halt eine fantastische Parabel. Und Pelewin redet andauernd über Werwölfe und Vampire und so weiter, und das ist auch alles schon sehr abgedreht. Und vermutlich ist das auch der Grund, weshalb es die Deutschen nicht mögen. Nur wenn du mal auf die Meta-Ebene schaust, dann ist das alles eine beinharte Kritik an den Zuständen, und die ist witzig und die ist bösartig, die ist hochintelligent, so bezugsreich, dass einer manchmal – und das kann ich gut verstehen – sagt: (imitiert Seufzen und Stöhnen) Sorry, ich bin kein Russe, die Namen sagen mir jetzt alle nichts, ich versteh das nicht.

Was ist mit den anderen russischen Schriftstellern?

Da gibt es einige großartige Erzähler, die längst nicht so experimentell sind wie Pelewin, oder hervorragende Berichterstatter, wie die Politkowskaja, meine Güte, das ist eine Journalistin von Welt, und das interessiert hier kein Schwein. Genauso wenig wie all die polnische Autoren übrigens. Die kennt keiner außer die Polen – und selbst die… Und ich will erst gar nicht anfangen von bulgarischer oder rumänischer Literatur und ich kann’s auch irgendwie verstehen, denn einige Sachen sind uns einfach zu fremd. Wir Deutschen haben keine leidende, slawische Seele. Der burleske Humor, den’s ab und an in der slawischen Literatur gibt, ist jetzt aber beispielsweise auch nicht unbedingt mein Ding. Ähnlich zur jüdischen Literatur, übrigens, die entweder einen extrem bösartigen, feinen, satirischen Humor hat oder diese Humpta-Humpta-Burlesque, dieser jiddische Witz, der mich nicht vom Hocker haut. Apropos unterbewertet: israelische Literatur.

Da versteht einer übrigens seinen Job. Ich hab Lust all diese Bücher zu lesen. Jetzt sofort.

Das ist bei Pelewin leider ein Problem, weil den hat Luchterhand – die verlegen den in einer Minimalauflage –, und der wird abverkauft. Sobald die Auflage erst mal weg ist und du Pelewin haben willst – Pech. Den gibt’s dann nicht wieder. Zur Zeit sind, glaub ich, nur zwei Bücher von ihm erhältlich.

Kannst du die gleich für mich bestellen?

Klar.

Danke, Kurt.

* * *

Die Buchhandlung Hundt Hammer Stein findet sich nicht nur auf Facebook; ab und zu bloggt das Team rund um Kurt auch hier von den neusten Bucherscheinungen oder Events.

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