Everybody has a beautiful state of mind

by Shahar RatzenbergDer Sänger und Songwriter Roy Dahan macht Musik, die einem unter die Haut geht bis zum Herzen; da schlägt sie dann, strömt durch die Adern, wird pures Glück. Im Interview spricht er über die Deutschen, Israel und natürlich – seine Musik.

 

[EN version: click here]

In einem Café auf der Akazienstraße sitzt Roy Dahan und freut sich über die Hunde, die vorübergehen; er dreht sich lässig seine Zigaretten. Es ist kühl draußen, der Kaffee schmeckt nach Essig. Aber keine Sorge, das ist schon okay. Seine glühenden braunen Augen machen das alles wieder wett, sein Lächeln. Das nennt man Charisma, meine Damen und Herren, es heißt Charme. Und das hat er nicht nur aufgrund seines Aussehens; es schwingt ihm auch in der Stimme mit. Wenn Roy Dahan lacht, könnte man glauben, die ganze Welt lache mit.

* * *

Roy Dahan, wer bist du und was machst du?

Ich komme aus Tel Aviv und bin jetzt hier in Berlin seit knapp zwei Monaten. In den letzten sechs Jahren hab ich in Tel Aviv gespielt, da hatte ich auch eine Band. Mit 30 Jahren hab ich dann angefangen, Musik zu machen. Und zwar wortwörtlich: Mein erstes Konzert fand an meinem Geburtstag statt – ich dachte, es sei ein Meilenstein mit 30 Jahren anzufangen -, und ich habe zwei CDs veröffentlicht. Das erste heißt: Some of this life, das zweite: The man in my head. Ich unterrichte auch Klavier und produziere Musik und ich bin hier für meine Berlin Tour, um Europa zu erkunden, um neue Orte zum Performen zu finden und um neue Leute kennenzulernen.

Was hast du vor deinem 30. Geburtstag gemacht?

Etwas, das absolut nichts mit Musik zu tun hat. Musik war für mich allerdings schon immer eine Gewohnheit. Ich spiele Klavier seit ich zurückdenken kann und habe für vier Jahre Musik studiert. Davor habe ich nach mir selbst gesucht und nichts getan.

Wie hast du dein Bedürfnis entdeckt, Musik für ein Publikum zu machen?

by Gonen ShemerIch glaube, das hat sich aus einer normalen Krise entwickelt, die man so mit 30 Jahren hat. Da fragt man sich selbst, wer man ist, was man ist, was man hier macht. (lacht) Es war eine schwierige Zeit. Ich hatte mich dazu entschlossen, eine große Entscheidung darüber zu treffen, was ich machen will. Ich dachte über meinen größten Traum nach, der mir im Kopf rumging. Ok, hab ich mir gesagt, ich will Sänger und Musiker und Songwriter sein. Dann hab ich meine erste Aufführung gehabt und nicht mehr damit aufgehört.

Es ist also wie eine Sucht?

Ich glaube nicht, nein. Es war mehr wie eine Offenbarung. Das ist es also, das mich wirklich glücklich macht.

Wie lange hast du insgesamt an deinem Debut gearbeitet?

Sieben Monate. Sieben sehr intensive Monate.

Und das war dann ein ganz schöner Erfolg in Israel, richtig?

Naja, das ist so, also würdest du fragen: Wow, du siehst echt toll aus, richtig? – Ja, tue ich. (lacht) Nein, ich mache nur Spaß. Die Radiosender haben es sehr gut aufgenommen und ein paar der Lieder —


State of mind
war 2012 Israels meist gespielter Titel.

Ja. Es gab einen riesigen Erfolg im Sinne der Inhalte. Ich meine, die Leute mochten die LP aufgrund ihrer Aussage wirklich sehr. Es war so eine aufregende Zeit, als die erste CD rauskam.

Hattest du diesen Erfolg erwartet?

Ehrlich gesagt hätte ich gar nicht erst damit angefangen, wenn ich nicht im Vorfeld gedacht hätte, ich könne etwas Wertvolles oder Gutes schaffen. Ich habe erwartet, dass die Leute es mögen würden, aber ich konnte nicht einschätzen, wie sehr. Ich hätte meine Träume hoch ansetzen können und auf das Beste hoffen, aber du weißt nie, was passiert, bevor du etwas veröffentlichst, bevor du es ausspuckst.

Wie ist deine Meinung zur Musikindustrie in Israel?

Ich würde lieber etwas über die weltweite Musikindustrie sagen.

Nun ja, das wäre meine nächste Frage gewesen.

Ah okay, hm… Ich glaube sogar, es ist die selbe Antwort. Sehr viele gute Dinge sind versteckt und unerreichbar. Du weißt schon, es gibt so viel gute, wunderschöne Musik, die unter dem Radar verschwindet und es ist kein Pop, etwas, das nicht die Plattform bekommt, die es verdient. Die Musikindustrie in Israel ist ziemlich klein. Es ist ein kleines Land und es gibt eine Menge Künstler und eine Menge Konkurrenz. Ich denke, man muss sehr stark hervorstechen, um etwas Aufmerksamkeit zu erlangen.

Das bedeutet auch eine Menge Kampf?

Ja, du musst ein sehr guter Kämpfer und bereit dafür sein, für deine Kunst auch sehr lange zu kämpfen. Für mich, das muss ich zugeben, hat es sich aber sehr gelohnt – Ich meine alles, was ich mit meinem Publikum in Israel erlebt habe, die Sendungen im Radio und Fernsehen, all das. Man hat mich sehr gut behandelt. Das schätze ich sehr.

Zum Thema Plattformen: Während der Recherche, hab ich zunächst auf Spotify nach dir gesucht —

Hast du mich da gefunden?

Nein.

Wo hast du noch gesucht? Bandcamp, iTunes?

Und YouTube, ja. Aber wie denkst du über Plattformen wie beispielsweise Spotify, das Nutzern die Möglichkeit bietet, deine Musik zu streamen, ohne sie kaufen zu müssen? Die Leute zahlen dort nur für das reine Angebot, können aber eigentlich alles haben. Die Künstler hingegen bekommen nur dann ein paar Cents, falls ihre Songs so und so viele tausend Mal gespielt werden.

Spotify funktioniert in Israel nicht. Aber sei’s drum. Seit einigen Jahren hören die Menschen Musik, ohne dafür zu bezahlen und ich denke, viele Künstler verkaufen sich dabei völlig unter Wert, weil sie einfach bereit sind, jede Möglichkeit zu nutzen – um groß zu werden, entdeckt zu werden; sie sind zu einer Menge Dinge bereit, nur um die Leute dazu zu bringen, ihre Musik zu hören.

Du hast aber auch ganz schön viel getan, um bekannter zu werden, oder?

by Gal HermoniMan kann meine beiden Alben kostenlos bei Bandcamp anhören und alle YouTube Videos anschauen und ja, im Grunde kann man mich überall hören. Ich denke, dass jeder Musiker diesen kleinen Funken in sich trägt, der sagt: Okay, das ist es wert, denn es wird sich jemand anhören und das ist wichtig für meine Karriere und so weiter. Und ich bin mir sicher, dass Firmen das ausnutzen.

Ich könnte mir auch den ganzen Tag Musik kostenlos anhören, aber wenn ich etwas wirklich mag, dann will ich die CD kaufen, alles davon herunterladen, damit ich es besitzen kann und weil ich jemanden dafür entlohnen will. Ich glaube an Karma, mehr als an irgendetwas anderes. Wenn du etwas Gutes tust, bekommst du etwas Gutes zurück. Ich glaube wirklich, dass jede deiner Handlungen eine Konsequenz hat, sei sie gut oder schlecht. Selbst wenn du jemanden bestiehlst und du weißt, dass es unmöglich herauskommen kann – es gibt jemanden, der es bereits weiß…

Wer sind deine Lieblingssänger und -songwriter?

Als ich jünger war, mochte ich niemanden besonders, ich hatte keine Band, die ich angebetet habe, ich war nie ein Groupie, das war nicht mein Ding. Ich habe damals so viele verschiedene Arten von Musik gehört, nicht weil ich mir diese oder jene Musik wirklich ausgesucht hätte, sondern weil es ganz einfach das war, was man um mich herum gerade gespielt hat. Ich denke also, ich habe von allem ein bisschen in mir.

Zum Beispiel?

Ich kann bei einem Stück von Rachmaninov, das ich mag, heulen wie ein Schlosshund, und gleichzeitig kann ich einen orientalisch-arabischen Song hören, der mich ebenfalls sehr berührt. Ich kann etwas von überall mitnehmen. Ich schätze zum Beispiel Beyoncés beeindruckendes Charisma und ich kann sie anschauen und denken: Wow, ich wünschte ich hätte nur 10% dieser Ausstrahlung. Das bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass ich ihre Songs oder deren Inhalte mag oder wie ich darüber denke.

Ich kann etwas Schönes im Pop finden und etwas davon lernen und gleichzeitig verändert es meine Ausdrucksweise sobald ich ein klassisches Klavierstück gehört habe. Es ist eine Mischung aus so vielen Dingen. Schlussendlich aber mag ich Leonard Cohen und Nick Drake sehr, denn was sie machen, ist 100% wahr und echt und das ist es, worum es bei Musik gehen sollte: Wahrheit.

Und wo ist die Wahrheit in der Popmusik?

Ja, naja und manchmal geht es eben nicht nur darum. (lacht) Manchmal geht es um Vergnügen oder Unterhaltung. Man muss Musik nicht als eine bestimmte Sache sehen. Man kann sie auch unterschiedlicher betrachten, das ist ein breites Spektrum. Es muss nicht die tiefgründige oder berührende Art sein oder diejenige voller Emotionen. In meiner Freizeit höre ich keinen Pop, aber ich wenn ich das Radio anmache, höre ich Beyoncé. Ganz sicher.

Ich habe gehört, dass du deine Lieder auf Englisch singst, um ein größeres Publikum zu erreichen und um Grenzen zu überwinden. Denkst du, dass Englisch wirklich notwendig ist, um groß und berühmt zu werden?

by Gonen ShemerUm ganz ehrlich zu sein: Ich singe meistens auf Englisch, weil… ich es einfach mache. Weil es das ist, was aus meinem Kopf kommt. Seit dem Beginn meiner Karriere fühle ich mich, als würde ich mich dafür entschuldigen. Es ist immer noch ein Thema in Israel, auf Englisch zu singen. Viele Leute mögen das nicht besonders, weil sie denken, man versuche damit etwas zu sein, was man nicht ist. Und das war bei mir einfach nicht der Fall. Als ich anfing zu schreiben, war das auf Englisch und ich kann es nicht wirklich erklären, aber ich muss zugeben, dass die Vorstellung verlockend war, damit viele Menschen zu erreichen; Menschen, die tatsächlich hören und verstehen, was ich zu sagen habe – und nicht nur die Musik.

Ist Hebräisch denn nicht sehr wichtig für dich?

Natürlich… Etwas sehr Überraschendes ist mir hier in Berlin passiert: Während meiner Shows spiele ich zwischendurch immer auch hebräische Songs und nicht nur ein oder zwei Mal, sondern schon ganze viele Male kamen deutsche Gäste am Ende zu mir und erzählten mir, dass etwas anders sei, sobald ich auf Hebräisch singe. Sie haben mir gesagt, dass sie den Auftritt sehr mochten und auch die englischen Songs, aber dass sie sich sehr von den hebräischen Liedern angezogen fühlten.

Warum hat dich das überrascht?

Es war für mich eine große Überraschung, denn wenn ich hebräisch singe, spüre ich, wie ich zu zittern anfange und mein Herz immer größer wird, es ist meine Natur, weißt du? Ich spreche Hebräisch. Und es ist mehr als nur eine Sprache. Daher werde ich auch definitiv bald ein hebräisches Album machen.

Wie schreibst du deine Lieder – brauchst du dafür eine bestimmte Atmosphäre? Verbarrikadierst du dich in einem Zimmer?

Nein, bisher schließ ich mich nirgendwo ein. Das Schreiben von Lyrics ist sehr facettenreich. Nimm beispielsweise den ersten Song von meinem ersten Album, es heißt Falling like a stone. Da hab ich anfänglich nur mit der Gitarre improvisiert, mit der Melodie, und vor mich hingebrabbelt: press my dresden-flapper stretch – so was, blöde Wörter ohne jede Bedeutung, und plötzlich hatte ich eine Phrase im Kopf, den einzigen echten Satz: I’m falling like a stone und als ich diesen Satz hatte, hab ich ganz genau gefühlt, was ich sagen wollte.


Eine Menge meiner Lieder sind Erfindungen; sie erzählen von Situationen, in die mich selbst versetzt habe, weil ich etwas fühlen wollte oder sie handeln von Träumen, die ich hatte. Ich tu also so, als befände ich mich in verschiedenen Situationen, an verschiedenen Orten mit verschiedenen Menschen, und so entsteht ein Song. Es gibt aber nicht nur einen Weg.

Wie stellst du dir deine Fans vor?

Das ist das Schöne an der Musik und auch das Aufregendste daran: Du weißt nie, wer deine Musik hört und wann und in welcher Situation sich diese Person gerade befindet. Ein Mädchen hat mich beispielsweise mal nach einer Show aufgesucht und mir gesagt: Danke, dass du das ganze letzte Jahr ein Teil des Soundtracks meines Lebens warst. Ich kannte sie nicht, aber es war ein Moment, den ich für immer in Erinnerung behalten werde.

Ich denke deshalb sagen mir so viele Leute, die meine Musik hören – Menschen von überall, von Israel, Deutschland, England oder sogar Ägypten oder Honolulu -, dass sie das Lied SIND, oder zumindest ein Teil davon. Dass sie in die Musik schlüpfen können wie in ein Kostüm. Sie hören etwas darin, dass ich nie gemeint habe, aber sie hören es. Für mich ist das perfekt. Wenn mich Menschen fragen, über was ich schreibe, sage ich manchmal: Über dich und sie lachen, sie lachen wirklich und werden rot, und wissen, dass es eine Art Witz ist, dabei ist es gewissermaßen trotzdem wahr, weil ich das für dich geschrieben habe und für dich und dich und für jeden, der es hören wird und darin eine Verbindung findet. Jeder von uns trägt etwas Schönes in sich.

Warum hast du dir Berlin ausgesucht?

Roy_Dahan_by_AnonymousBerlin vor allem deswegen, weil ich vor einem Jahr während einer Reise meinen ersten Auftritt hier hatte – und diese Show, na ja, war ein riesiger Erfolg für mich. Das Publikum war wirklich, wirklich nett und ich mochte alle und die Atmosphäre und ich mochte vor allem, dass Berlin so viele verschiedene Arten von Menschen zu bieten hat, so viele Charaktere, die nicht notwendigerweise auch Deutsche sind. Es ist ein großer Cocktail verschiedener Kulturen und Menschen, die aus ihren Ländern geflüchtet sind, um hier zu sein. Es ist wie Tel Aviv für mich, nur größer. Ich mag’s einfach.

Wie lange wirst du hier bleiben?

Für immer und immer, ich werde in diesem Land sterben. (lacht) Nein, eigentlich plane ich einen Aufenthalt für ein Jahr. Ich hab erst kürzlich meinen Jahresvertrag für meine Wohnung unterzeichnet, das werde ich nutzen. Und natürlich weißt du nie, wohin das Leben dich führt. Ich hab da keinen speziellen Plan dafür.

Manchmal führen Musiker einen ewigen Kampf und sie kämpfen immer für irgendetwas, aber ich denke, das Beeindruckendste, das mir passiert ist, seit dem ich hier bin, ist die Erkenntnis: Ich renne vor nichts weg. Ich will nur meine Musik machen. Das ist meine Routine, ich werde es für den Rest meines Lebens machen. Ich werde singen und auftreten und ich denke nicht, dass Erfolg oder der Mangel an Erfolg irgendwas an dem ändern wird, das ich mache. Alles, was kommen wird, ist daher ein Bonus für mich. Ich will natürlich in Wembley vor 1.000 oder 100.000 Menschen auftreten und ich denke sogar, dass ich das eines Tages schaffen werde, aber ich werde nicht sterben, wenn ich’s nicht schaffe oder werde mich so fühlen, als wäre ich gescheitert oder als hätte ich meine Träume nicht verwirklicht, weil ich meine Träume jetzt bereits lebe: Ich mache Musik. (pausiert) So romantisch. (lacht) Ohhhh…

Fühlst du dich schon zuhause hier?

Nein, ich hab nur ein Zuhause und es ist wirklich der einzige Ort, an dem ich mich zuhause fühle und das ist in meinem Land. Ich denke, ich werde nirgendwo sonst zuhause sein. Ich fühle mich immer noch wie ein Besucher in Berlin, gewissermaßen wie ein Tourist – trotz meiner Wohnung und dem Piano und meiner Gitarre und meiner wirklich netten Freunde hier. Ich schwebe noch, fühle noch nicht dieses: Wow, ich bin nach Berlin gezogen.

Was ist denn Zuhause überhaupt?

Die Erde. (lacht) Naja, ehrlicherweise muss ich sagen, ist meine Antwort auf diese Frage eher langweilig und überhaupt nicht einzigartig, aber mein Zuhause sind meine Freunde und meine Familie, der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, meine Umwelt. Es sind die Menschen, es sind immer die Menschen.

Was ist deine Meinung zu Deutschland?

Hmm… Ich habe sehr viele Meinungen. (lacht) Allein schon Berlin, die Stadt —

Berlin ist nicht Deutschland.

Ja, das bekomm ich ziemlich häufig zu hören. Das hier ist nicht typisch deutsch. Es ist das Ärmste und Beste – wie hat euer früherer Bürgermeister gesagt? Arm und sexy?

Ja.

Ich mag nicht, dass er das gesagt hat, weil ich sexy und finanziell stabil sein will. (lacht) Ich will nicht reich sein, weißt du? Ich bin nicht auf Millionen aus, aber ich will eine Show machen und danach Geld dafür bekommen. Berlin allerdings ist wirklich sexy, es verfügt über eine Atmosphäre der Freiheit. Berlin bietet dir die Möglichkeit der zu sein, der du sein willst und es vermittelt dir das Gefühl, dich damit völlig wohl zu fühlen. Wenn du exzentrisch sein willst, dann sei es, und es ist völlig okay. Ich mag, dass jeder machen kann, was er mag, solange er keinen anderen stört oder verletzt. Ich mag die Freiheit, die hier die Leute einander geben.

Glaubst du diese Freiheit ist eine Art der Gleichgültigkeit?

Nein, ich denke nicht, dass es Gleichgültigkeit ist. Die Menschen kümmern sich sehr um das, was in ihrer Umgebung geschieht. Natürlich weiß ich nicht, ob sie sich um einander kümmern, aber sie respektieren einander.

Und die deutsche Kultur… ?

Da ist etwas in der deutschen Sprache, das sehr faszinierend ist. Manchmal kannst du einen Satz sagen, dessen Bedeutung du nicht kennst bis du ihn beendet hast, so wie du beispielsweise sagen kannst: Ich liebe dich – nicht, richtig? Einerseits ist das natürlich eine Katastrophe, weil stell dir vor, jemand sagt zu dir Ich liebe dich – nicht – und da ist diese kurze, zerbrechliche Pause zwischen den Worten, direkt vor dem nicht. Und das ist herzzerreißend und damit keine besonders gute Sache. Andererseits muss du wirklich bis zum Schluss zuhören. Du musst beenden, was du sagen willst und dann hast du eine echte Unterhaltung, also kannst du reden und ernsthaft jemanden kennenlernen und du kannst die Schnauze halten und zuhören, was der andere zu sagen hat.

Damit hören dir Menschen also zu und sie interessieren sich für dich und deine Geschichte, was wirklich nett ist. Und was die Leute selbst angeht… hmm, ich muss zugeben, dass ich die Deutschen echt mag.

Warum?

Das hat einen größeren Zusammenhang, und der hat mit ihrem Humor zu tun. Du weißt…, es gibt da dieses kleine Problem mit dem deutschen Sinn für Humor. Ich meine, ich versuche echt viel, um Leute zum Lachen zu bringen und manchmal scheitere ich auch damit, aber wenn ich scheitere, dann versuche ich’s danach nur noch härter, und wenn’s funktioniert, dann siehst du etwas in den Deutschen, das ich mag.

Und das wäre?

by Adi OferWenn du es schaffst, sie zum Lachen zu bringen oder sie glücklich zu machen oder überhaupt etwas fühlen zu lassen, dann gibt es da diesen gewissen Punkt, da schmelzen sie ein wenig im Inneren. Verglichen mit Leuten aus dem Nahen Osten, aus Israel – zu denen kannst du ganz leicht Kontakt herstellen, du bringst sie leicht zum Lachen, hast schnell die Unterhaltungen und den Small Talk. Du kennst die Person zwar nicht, hast sie nie zuvor in deinem Leben getroffen, aber ihr fühlt nach wenigen Sekunden schon diese Verbindung. Die können dich anlächeln oder dir ein Küsschen geben oder dich umarmen – selbst dann, wenn du sie erst kurz zuvor kennengelernt hast. Das hat was mit der Mentalität zu tun und mit der Art und Weise, wie Leute erzogen werden, mit der Kultur, die tausende Jahre alt ist. Deutsche brauchen etwas länger, bis sie sich öffnen, aber wenn sie es tun, dann ist es bezaubernd. Dann siehst du etwas sehr Spezielles… Deutsche sind nämlich ein wenig schüchtern deswegen. Und das ist irgendwie magisch.

Also sind die Deutschen überhaupt nicht die kaltherzigen, distanzierten Menschen, wie sie die Welt sieht?

Nein. Ihr wünscht, ihr wäret so, aber ihr seid’s nicht. Ihr seid warm wie jeder andere auch. (lacht) Ihr seid nette Leute. Auch wenn ich gehört habe, dass sich die Dinge ändern sobald der Winter kommt. Darauf werde ich mich nicht vorbereiten. Es wird sehr kalt, ich weiß, aber ich kann dir versichern, dass mein Sinn für Humor sich nicht ändern wird und auch mein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Glück und Wärme wird das gleiche bleiben.

Die Deutschen verändern sich möglicherweise auch während dem Winter.

Ok. Dann ändere ich sie wieder zurück. (lacht)

Wo wir grade von Änderungen sprechen. Wie wichtig ist Politik für dich?

Was meinst du damit?

Viele Künstler interessieren sich nicht so wirklich für die Dinge, die in der Welt passieren, zumindest nicht für die politische Seite davon. Es ist im Grunde auch gar nicht ihre Aufgabe, sie haben andere Dinge im Kopf. Dennoch finden gerade jetzt ganz viele Krisen statt, nicht nur in Israel, sondern beispielsweise auch in der Ukraine. Fühlst du dich in irgendwas davon involviert?

Dieses Thema ist erstens sehr sensibel, gerade auf die letzten Monate bezogen. Wir hatten einen Krieg in Israel, wir haben immer noch Krieg, und ich habe meinen Anteil daran – ich meine im Sinne des Mitgefühls. Ich war ein Teil dieses Landes, und meine Familie und Freunde leben noch immer da und sie werden angegriffen. Was ich allgemein über Politik denke, ist – naja, manchmal fühlt es sich wie ein schlechter Scherz an, denn wenn du den Fernseher oder das Radio jetzt anstellst oder fünf Jahre später oder zehn Jahre später oder 25 Jahre später, bekommst du irgendwie immer die gleichen Nachrichten zu sehen, die gleichen Themen und die gleiche Korruption innerhalb der Regierungen, die gleichen Kämpfe gegeneinander, die gleichen Atomsprengköpfe und nichts hat sich wirklich verändert.

Wenn ich zweitens einen sehr genauen Blick auf die Politik meines Landes werfe, dann kann ich auch da sehen, dass sich eigentlich in den letzten paar Jahren nichts groß verändert hat. Mir tun nur all diese Menschen leid, sie werden getötet, und das sind Menschen, die überhaupt nichts mit Politik zu tun haben, sie haben gar keine Macht. Sie haben nichts von dem, was Politiker haben, was irgendwie völlig absurd ist. Du wählst jemanden, der dich beschützen soll und letztlich stirbst du, weil so viele Dinge passieren, die rein gar nichts mit dir zu tun haben. Argumente findet man immer und die gehen grundsätzlich in alle Richtungen zugleich.

Du diskutierst aber trotzdem immer mit, oder?

Wenn ich mich in einem politischen Streitgespräch wiederfinde, versuche ich mich zu distanzieren, weil ich mich komplett verloren darin fühle. Ich bin kein so politischer Mann und ich weiß auch nicht so viel über Politik, daher ist das alles etwas schwierig für mich. Denn selbst wenn ich es wollen würde, mich für eine Seite zu entscheiden, habe ich erkannt, dass ich mindestens zehn Jahre am Stück lernen müsste, um all die Konflikte in dieser Welt wirklich zu verstehen. Eine Sache führt zu einer anderen, hat einen Effekt auf etwas. Da ist ein Lied, das ich geschrieben habe – Maze, es ist von meinem zweiten Album. Es ist ein Rocksong und charakterisiert nicht meine Musik oder die Stimmung des zweiten Albums, aber wie auch immer. Die ersten Zeilen lauten: It’s a never-out-maze [Es ist ein Labyrinth ohne Ausgang, Anm. A.W.]. Es endet nie. Und es gibt nicht nur eine Lösung.


Was also sollte sich ändern?

Ich weiß nicht, was passieren müsste, um die Welt in ein paar Jahren zu einem besseren Ort zu machen. Jetzt gerade sehe ich keine Zukunft, in der Menschen sich nicht bekriegen oder von ihren Regierungen betrogen werden, ich seh’s nicht. Das ist die Natur menschlicher Wesen.

Das ist nicht sonderlich optimistisch, oder?

Nein, ist es nicht, aber es gibt etwas Optimistisches, das ich benennen kann, und das ist, dass Menschen, die für Freiheit oder Recht kämpfen, ebenso wenig damit aufhören zu kämpfen, das nimmt sogar zu. Etwas passiert die ganze Zeit. Da ist ein Kampf zwischen Gut und Böse, wenn ich es mal so naiv ausdrücken darf. Ich glaube nur nicht, dass das jemals ein Ende finden wird. Leider.

Glaubst du, dass du als Sänger und Songwriter – oder auch jeder andere, der Musik macht – eine gewisse Verantwortung darin hast, einen politische Note in deine Musik zu bringen?

Definitiv. Ich denke, das beeinflusst Menschen. Musik berührt maximal. Es ist wichtig die Dinge zu sagen, die andere nicht erwähnen, darüber zu singen, zu schreiben und dafür zu kämpfen, denn als Musiker hast du eine gewisse Art von Macht. Du bist nicht nur hier, um Musik zu machen oder Geld damit zu verdienen. Du bist hier, um den Menschen ein besseres Gefühl zu verleihen. Menschen sagen mir manchmal, dass meine Musik sie tröstet, sie streichelt ihre Herzen, das kann manchmal traurig sein, aber es hat auch eine gute Wirkung auf sie. Es hat einen gewissen Einfluss. Daher: ja, ich fühle, dass ich diese Verantwortung habe. Natürlich.

Letzte Frage: Was ist notwendig, um glücklich zu sein?

by Adi OferIch kann diese Frage wirklich nicht beantworten. Keiner kann das. Niemand ist die ganze Zeit glücklich. Natürlich, gerade jetzt fühle ich so eine Art Glück. Ich sitze hier mit dir und führe dieses Interview, das ist Glück. Ich genieße es. Und natürlich bin ich ein glücklicher Mensch, ich habe meine Momente wie jeder andere auch. Viele Dinge führen zu Glück – du brauchst Mitgefühl und ein starkes Selbstbewusstsein. Du musst gut sein und niemandem Schmerz zufügen. Sei du selbst, liebe dich selbst, weil die meisten Menschen lieben sich nicht, sie hassen etwas an sich. Etwas an ihrem Charakter, ihrem Aussehen – ich hasse eine Menge Dinge an mir selbst, aber – es ist lustig, ich bin in einer neuen Beziehung mit mir selbst, seit ich nach Berlin gekommen bin. Ich versuche das zu erlernen. Glücklich zu sein. (pausiert) Ah, nein, Scheiß drauf. Vergiss alles, was ich gerade gesagt habe. Das einzige, das wirklich, wirklich wichtig ist, ist (überlegt) – ähm, (überlegt länger) jetzt hab ich’s wirklich vergessen. Dabei war es so wichtig. (lacht) Das klingt jetzt wirklich wie ein schlechter Scherz.

Das ist das letzte Statement, das du bekommst. Das ist die letzte Sache, woran sich die Menschen erinnern werden nach dem sie das Interview gelesen haben.

Ok, nun gut, da ist ein Rezept für das beste Leben der Welt, wirklich, das ist kein Witz und ich bin auch nicht zynisch: Sei glücklich mit dem, was du hast. Das ist alles. Sei glücklich mit den Freunden, die du hast. Sei glücklich mit dem Geld, das du hast. Sei glücklich mit der Wohnung, die du hast. So einfach ist das. Sei glücklich mit dem, was du hast.

Danke, Roy.

* * *

Roy Dahans Musik schenkt einem nicht bloß die Melancholie als Glück am Traurigsein; sie weitet auch das Herz in jede Richtung. Seine Stimme trägt einen fort, schwebt zwischen dünner Luft und schlagenden Herzen, endlos. Seine Texte lassen einen träumen; sie erinnern an die Dinge, die verloren – und vielleicht sogar wiedergefunden wurden. Sie bringen dich zum Lächeln – und manchmal auch zum Heulen. Musik kann nicht wahrer sein als das.

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Seine Musik findet sich auf Bandcamp, YouTube und iTunes. Folge ihm und seiner Tour durch Berlin auf seiner Facebook-Page und seiner Homepage.

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